Das Christentum auf der Arabischen Halbinsel

Zwischen Scharia und relativer Toleranz

Was viele nicht wissen: Auch auf der Arabischen Halbinsel gibt es viele Christen, meist Gastarbeiter. Manche sprechen von bis zu fünf Millionen. Ihre religiösen Rechte unterscheiden sich von Land zu Land oft erheblich.

Von Georg Pulling

Bonn/Wien (KNA) Die Mehrheit unter den Christen der Arabischen Halbinsel bilden die rund 3,5 Millionen Katholiken, die von maximal 140 Priestern betreut werden. Freilich handelt es sich bei den Christen zu fast 100 Prozent um Ausländer, vor allem Gastarbeiter. Sie kommen von den Philippinen, aus Indien, Bangladesch und weiteren asiatischen Ländern, aber auch aus dem Libanon, Jordanien oder Ägypten und Europa. Die Katholische Nachrichten-Agentur (KNA) gibt einen Überblick über das Christentum auf der Arabischen Halbinsel:

Vereinigte Arabische Emirate

In den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE), einer Föderation aus sieben Emiraten von denen Abu Dhabi und Dubai den größten Einfluss haben, sind die Voraussetzungen für die Kirchen relativ gut. Wiewohl auch hier der Islam Staatsreligion ist, herrscht ein relativ minderheitenfreundliches Klima vor.

Die Zahl der Einwohner der Emirate wird auf bis zu 9,5 Millionen geschätzt. Davon sind rund 7,3 Millionen Muslime (die überwiegende Mehrheit Sunniten), bis zu 1,2 Millionen (12,5 Prozent) Christen. Dazu kommen Hindus (6,6 Prozent) und Buddhisten (2,25 Prozent). Auch einige tausend Juden sollen in den Emiraten leben. Wie auch in anderen Golfstaaten sind nur knapp 15 Prozent der Bewohner der Emirate Einheimische.

Gut 800.000 Christen gehören der katholischen Kirche an. Sie stammen laut Kirchenangaben aus rund 150 Staaten der Welt. Daneben gibt es aber auch viele protestantische, griechisch-orthodoxe oder auch armenisch-orthodoxe Gläubige. Es gibt zahlreiche Kirchen im ganzen Land von denen die erste 1965 gebaut wurde. Die Kirchen betreiben in den Emiraten auch Schulen. Christlicher Religionsunterricht ist in den Schulen aber nicht erlaubt.

Innerhalb der Kirchenareale können die Christen ungehindert ihre Religion frei ausüben. Außerhalb braucht es allerdings spezielle Genehmigungen. Christliche Symbole wie Kreuze sind in der Öffentlichkeit tabu. Muslime dürfen nicht missioniert werden, es werden aber immer wieder frühere Hindus oder auch bisher nicht getaufte Europäer in die Kirche aufgenommen. Lokale Kirchenoberhäupter äußern sich immer wieder lobend über die im Vergleich zu anderen Staaten in der Region sehr offene Atmosphäre im Land. In den Emiraten gibt es auch ein Gesetz, das das Schüren von religiösem Hass und Extremismus unter Strafe stellt. Im Februar 2019 besuchte Franziskus als erster Papst die Arabische Halbinsel. Seine Reise führte ihn in die Emirate. In Abu Dhabi, wo auch das Apostolische Vikariat Südliches Arabien seinen Sitz hat, unterzeichnete er damals gemeinsam mit dem ägyptischen Großimam Ahmed al-Tayyeb, einem führenden sunnitischen Gelehrten, ein historisches Dokument über die Brüderlichkeit zwischen Muslimen und Christen.

Saudi-Arabien

In Saudi-Arabien ist das Leben für Christen und Angehörige anderer Religionen außer dem Islam am schwierigsten. Der Islam in der strengen Form des Wahhabismus ist Staatsreligion. Koran und Scharia bilden auch die gesetzlichen Grundlagen des Landes. Es gibt keine einzige Kirche in Saudi-Arabien. Öffentliche Gottesdienste und das Tragen religiöser Symbolen – in erster Linie das Kreuz – sind verboten. Auch Bibeln sind verboten. Wenn sich Christen privat in Wohnungen treffen und dort dezent Gottesdienst feiern (z.B. ohne Gesang), wird dies von den Behörden wie der Religionspolizei inzwischen oft geduldet. Der Religionswechsel eines Muslim zum Christentum oder einer anderen Religion ist strengstens verboten und wird zum Teil tatsächlich auch mit dem Tod bestraft.

Von den rund 33 Millionen Einwohnern Saudi-Arabiens sind etwa 1,5 Millionen Christen (ca. 4 Prozent). Mehr als die Hälfte davon sind Katholiken (aus den Philippinen, Indien, etc.). Es gibt aber beispielsweise auch zahlreiche Kopten aus Ägypten und äthiopische/eritreische Christen im Land. Manchen Quellen sind großzügiger und schätzen schon allein die Zahl der Katholiken in Saudi-Arabien auf 1,5 Millionen. Die katholischen Gläubigen sind in vier Pfarreien mit Außenstationen organisiert und werden von einigen Priestern betreut. 10,5 Prozent der Bevölkerung sind Schiiten, die ebenfalls mit Diskriminierung zu kämpfen haben und nicht als gleichwertige saudische Bürger angesehen werden.

Jemen

Im Jemen (ca. 30,5 Millionen Einwohner) gibt es eine winzige christliche Minderheit von einigen tausend Gläubigen. Das Besondere: Es gibt im Jemen auch einige einheimische Christen. Dies rührt noch von der Besetzung Jemens durch Äthiopien im 5. Jahrhundert her. Dazu kommen einige Gastarbeiter. Im Jemen herrscht seit vielen Jahren ein blutiger Bürgerkrieg zwischen schiitischen Huthi-Rebellen und der sunnitisch geprägten Zentralregierung, die u.a. auf Unterstützung durch Saudi-Arabien setzen kann. In diesem Konflikt wurde die winzige christliche Minderheit aufgerieben. Noch in den 1960er Jahren soll es in Aden mehr als 20 Kirchen gegeben haben.

Die katholische Kirche hatte im Jemen vor Kriegsausbruch 2015 vier Pfarren. Davon ist kaum etwas geblieben. Christen werden immer wieder Opfer von Islamisten. Die wenigen Gläubigen und einige Ordensschwestern, die noch zwei von ursprünglich vier Heimen für Behinderte führen, werden von einem Priester betreut.

Oman

Im Oman sind die Gegebenheiten für die christliche Minderheit relativ gut. Das Land zählt rund 4,4 Millionen Einwohner. Gut 86 Prozent sind Muslime. Die Christen machen 6,5 Prozent aus. 5,5 Prozent sind Hindus. Die Christen kommen vor allem aus Indien, Pakistan und Bangladesch. Etwa drei Viertel sind katholisch. Daneben gibt es vor allem auch Kopten, Griechisch-orthodoxe, Syrisch-orthodoxe und Protestanten.

Christen haben Kultfreiheit. Sie dürfen im Gegensatz zu Muslimen auch offiziell Alkohol und Schweinefleisch konsumieren. Muslime, die zum Christentum konvertieren, werden nicht von Rechts wegen bestraft, wohl aber gesellschaftlich geächtet. Zwar basiert das Rechtssystem im Sultanat auf der Scharia, Christen und Muslime kommen aber vor allem deshalb so gut miteinander aus, weil die überwiegende Mehrheit der Muslime der gemäßigten Strömung der Ibaditen angehört. Über die Einhaltung des religiösen Friedens im Land wacht ein eigenes Ministerium.

Kuwait

Wesentlich angespannter ist die Situation für die Christen in Kuwait. In dem Land mit rund 4,2 Millionen Einwohnern sind ca. 72 Prozent Muslime (zwei Drittel Sunniten, ein Drittel Schiiten). Die christliche Minderheit macht laut den meisten Schätzungen rund 11 Prozent aus (gut 450.000). Genauere Angaben gibt es nicht. Daneben gibt es noch Hindus (600.000) und Buddhisten (100.000) im Land.

Die mit Abstand größte Konfession im Land sind die lateinischen Katholiken. Dazu kommen Kopten, Armenier, Griechisch-orthodoxe und Melkiten sowie einige relativ große protestantische Kirchen. Der Islam ist Staatsreligion, das Rechtssystem basiert auf der Scharia. Für die Christen gibt es grundsätzlich Kultfreiheit. Der Bau von neuen Kirchen ist theoretisch möglich, in der Praxis aber eingeschränkt. Kirchen dürfen Schulen führen, dort aber keinen christlichen Religionsunterricht erteilen. Es reicht aber schon ein muslimischer Schüler, um den islamischen Religionsunterricht abhalten zu müssen.

Der Religionswechsel von Muslimen steht zwar nicht direkt unter Strafe, sie verlieren aber beispielsweise das Recht zu erben und sind sozial geächtet. Ehen zwischen nichtmuslimischen Männern und muslimischen Frauen sind ungültig. 2012 wurde ein Gesetz erlassen, das Gotteslästerung (Blasphemie) unter schwere Strafe stellt und auch zur Anwendung kommt.

Bahrain

Im arabischen Königreich Bahrain sind von den rund 1,4 Millionen Einwohnern gut 70 Prozent Muslime (davon bis zu 60 Prozent Schiiten, 40 Prozent Sunniten). Die Christen machen rund 14,5 Prozent aus. (Hindus 9,8 Prozent, Buddhisten 2,5 Prozent). Die einheimische Bevölkerung, die nicht einmal die Hälfte der Einwohner ausmacht, ist fast zur Gänze muslimisch, es gibt aber auch einige wenige einheimChristen.

Wie auch in den anderen Golfstaaten gilt für Bahrain: Der Islam ist Staatsreligion, das Rechtssystem basiert auf der Scharia. Für die Christen gibt es grundsätzlich aber Kultfreiheit. Immer wieder stellt der König den Kirchen Grundstücke für neue Kirchen zur Verfügung. Die römisch-katholische Kirche ist mit rund 80.000 Mitgliedern mit Abstand die größte christliche Konfession im Land. Es gibt aber auch zahlreiche syrisch-orthodoxe, koptische und protestantische sowie indische orthodoxe, protestantische und katholische Christen.

Konfliktpotenzial besteht in Bahrain zwischen Sunniten und Schiiten. Die Bevölkerungsmehrheit ist schiitisch, das Königshaus bzw. die politische Führung des Landes sunnitisch.

Katar

Das Emirat Katar hat nach der Jahrtausendwende einen minderheitenfreundlichen Kurs eingeschlagen. Bald nach der Jahrtausendwende wurde der Startschuss für die „Kirchen-Stadt“ rund 40 Kilometer außerhalb von Doha gesetzt. 2005 war die erste Kirche fertig. Der Komplex in der Wüste beinhaltet inzwischen schon rund ein Dutzend Kirchen verschiedener Konfessionen mit Tausenden Gläubigen, die hier jeden Tag zum Gottesdienst kommen oder mit einem Priester sprechen wollen. Für die Christen gibt es Kultfreiheit. Nach wie vor werden Kirchen gebaut.

Katar hat rund 2,6 Millionen Einwohner, wobei nur maximal 15 Prozent Einheimische sind. Die Muslime machen rund 67 Prozent der Bevölkerung aus, eine kleine Minderheit davon, ca. 10 Prozent, sind Schiiten. Die Zahl der Christen wird auf mehr als 300.000 geschätzt, das sind gut 12 Prozent der Bevölkerung. Die Zahl der Hindus ist in etwa gleich groß, dazu kommen noch ca. 3 Prozent Buddhisten und sonstige. Die überwiegende Mehrheit der Christen in Katar sind Katholiken, gefolgt von Protestanten, Anglikanern, Griechisch- und Syrisch-Orthodoxen, Kopten und indischen Christen verschiedenster orthodoxer, protestantischer und katholischer Kirchen.

Missionierung unter Muslimen ist strengstens verboten. Muslime dürfen ihren Glauben nicht wechseln. Darauf steht theoretisch die Todesstrafe. Außerhalb der Kirchenkomplexe darf keine christliche Literatur verkauft werden. Auch dürfen christliche Symbole – vor allem das Kreuz – öffentlich nicht zur Schau gestellt werden.

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