Unter Nigerias Christen herrscht Angst vor Anschlägen

KNA 10.02.2012
Gottesdienst in Zeiten des Terrors
Unter Nigerias Christen herrscht Angst vor Anschlägen
Von Katrin Gänsler (KNA)
Kano (KNA) Sabon Gari, ein Viertel im Zentrum der nigerianischen Millionenstadt Kano. Autos sind an einem Sonntagmorgen kaum unterwegs, nur ab und zu knattert ein altersschwaches Moped vorbei. Seit den Attentaten am 20. Januar, bei denen in Kano 186 Menschen ums Leben kamen, warten viele Pastoren hier vergeblich auf Gottesdienstbesucher. Sabon Gari gilt als einziger Stadtteil, der christlich geprägt ist. In einigen Straßen reiht sich eine Kirche an die nächste - Baptisten, Adventisten, Katholiken. Sie alle haben hier ihre Heimat gefunden. Doch jetzt ist die Angst vor einem neuen Anschlag groß. Vor der katholischen Kirche der „Muttergottes vom guten Rat“ an der Emir Road soll Benjamin Erumeh eine neue Bluttat verhindern. Er hat seine schwarze Schirmmütze tief ins Gesicht gezogen und hält in der linken Hand einen Metalldetektor. Wer zur Messe will, kommt an Erumeh nicht vorbei. Jeden Besucher tastet er ab, prüft, ob ein Handy wirklich nur ein Handy ist. Wer mit einer Tasche kommt, den lässt er gar nicht erst in das Gotteshaus.
„Wir Christen trauen uns nicht mehr gegenseitig. Vielleicht schicken sie uns jemanden, der wie ein Christ gekleidet ist“, sagt Erumeh. Mit „sie“ meint er die islamistische Terrorgruppe Boko Haram. Allein seit Jahresbeginn soll sie den Tod über knapp 300 Menschen gebracht haben. Eigentlich, sagt Erumeh, sei Boko Haram ein politisches Problem. Die Gruppe fordert zwar eine Islamisierung Nigerias auf Basis der Scharia und die Abschaffung der Demokratie. Doch getrieben werden die Anhänger von einer extremen Wut auf den nigerianischen Staat. Gerade der äußerste Nordosten, wo Boko Haram im Bundesstaat Borno seine Ursprünge hat, ist extrem unterwickelt. Es fehlt an Infrastruktur, Bildungsmöglichkeiten und Jobperspektiven. Hoffnung und Vertrauen auf Änderung oder eine bessere Regierungsführung gibt es nicht.
Donatus Enyuma will auf seinen gewohnten Sonntagsgottesdienst trotzdem nicht verzichten. Doch inzwischen gehört für ihn auch die Leibesvisitation wie selbstverständlich zur Sonntagspflicht. Bereitwillig stellt sich Enyuma vor den Eingang, hebt die Arme und lässt sich von Benjamin Erumeh abtasten. Die Lage ist angespannt in Kano, es herrscht nächtliche Ausgangssperre. Nach 18 Uhr darf in Nigerias zweitgrößter Stadt niemand auf die Straße. Aber Enyuma will in Kano bleiben. Kano ist das wirtschaftliche Zentrum des Nordens. Über Jahrzehnte hat es Menschen aus dem ganzen Land angelockt. Viele stammen aus dem äußersten Südosten und sind Christen. Enyumas Heimat ist der Bundesstaat Cross River, der an der Grenze zu Kamerun liegt. „Meine Schwester hat mich schon gefragt, ob ich zurückkehre. Aber erst einmal möchte ich bleiben“, sagt er. „So ein Umzug will ja auch vorbereitet sein.“
Enyuma und viele andere schöpften schon Hoffnung in den vergangenen Tagen. Zwar kam es vereinzelt zu weiteren Detonationen und Schießereien, doch das große Chaos blieb aus. Das macht auch Gemeindevorsteher Timothey Ezenduka Mut. „Nein, ich will keine Angst mehr haben, wenn ich zur Kirche komme“, sagt er mit Nachdruck und laut, als sollten es möglichst viele um ihn herum hören. In dem Moment hält in seiner Nähe ein Okada, eines der nigerianischen Mopeds, und unruhig fordert Ezenduka den Fahrer auf, weiterzufahren. „Es ist ein ungutes Gefühl“, gibt er zu. In der Vergangenheit nutzen viele Attentäter die kleinen Zweiräder für den Weg zum Anschlagsort. Benjamin Erumeh, der Sicherheitsmann, nickt beifällig zu den Worten des Gemeindevorstands. Nicht auszudenken, wenn dieser Mopedfahrer ein Terrorist wäre, murmelt er. Dann wendet sich Erumeh wieder einer Familie mit drei kleinen Kindern zu. Sie sind ein bisschen spät dran, der Gottesdienst hat schon begonnen. Trotzdem tastet Erumeh alle sorgfältig ab, auch die drei kleinen Jungs. „Man weiß ja nie“, sagt er.
(KNA - lmkmlk-BD-1219.40OI-1)

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