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  Alois Glück zur Auseinandersetzung um Islam und Integration

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„Die Debatte ist ein Desaster“

 

München 15.10.2010. (KNA)

 

Alois Glück zur Auseinandersetzung um Islam und Integration

 

Von Christoph Renzikowski (KNA)

 

Der einstige CSU-Spitzenpolitiker Alois Glück ist alles andere als glücklich über die hitzige Diskussion um Islam und Integration. Im Interview mit der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) rief der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK) am Donnerstag in München zu mehr Sachlichkeit auf. Wer rein stimmungsgebunden agiere, spiele nur den Rechtspopulisten in die Hände.

 

KNA: Herr Glück, um die Integration wird in zunehmend schrilleren Tönen gestritten. Wie finden Sie das?

 

Glück: Die aktuelle Debatte um Integration und Islam ist ein Desaster. Sie wirkt doppelt schädlich. Zuwanderer und Muslime, die sich integrieren wollen oder das schon sind, werden mit den anderen in einen Topf geworfen und damit brüskiert. Kein Wort der Anerkennung ihrer Leistung. Und in der Bevölkerung entstehen durch pauschale Äußerungen negative Bilder und Einstellungen, etwa derart, als ob jeder Muslim ein Problem sei und damit unter Generalverdacht stehe. Die große Aufgabe der Integration wird durch eine so undifferenzierte Diskussion schwer belastet.

 

KNA: Angeschärft wurde der Disput in den vergangenen Tagen vor allem von führenden Mitgliedern Ihrer Partei, der CSU.

 

Glück: Das ist zu einseitig. Aber ich sehe auch diese Diskussion mit großer Sorge und sie ist mir auch politisch ein Rätsel. Es wundert mich, dass die CSU nicht auf Erfolge verweist, die durch ihr Engagement mit strengeren Regelungen in der großen Koalition erzielt wurden. Der Schlüssel dafür waren die Verhandlungen zwischen Bayerns damaligem Innenminister Günther Beckstein (CSU) und Bundesinnenminister Otto Schily (SPD). Statt dessen wird der Eindruck erweckt, wir stünden noch ganz am Anfang, weil die Politik noch nichts getan hätte. Im übrigen sind alle, die in dieser Debatte das Christliche strapazieren, einem Menschenbild verpflichtet, bei dem jeder dieselbe Würde hat. Das gilt auch für Migranten und Muslime.

 

KNA: Wo bleibt die Stimme der Kirche?

 

Glück: Das Zentralkomitee der deutschen Katholiken hat begonnen, sich des Themas „Islam in Deutschland und Europa“ verstärkt anzunehmen. Die Kirchen leisten über ihre sozialen Dienste wichtige konkrete Integrationsarbeit. Aber wir müssen uns noch stärker konzeptionell mit dem Thema auseinandersetzen. Wie kann und muss das Zusammenleben gestaltet werden? Mit welchen Normen und Maßnahmen? Weil es angstbesetzt ist, sollten alle Beteiligten der Versuchung widerstehen, dies politisch zu instrumentalisieren. Gott sei Dank ist rechtspopulistischen Kreisen in Deutschland noch nicht gelungen, was inzwischen in vielen unserer Nachbarländer zu beobachten ist. Doch wenn die Politik nur stimmungsgebunden agiert, wird sie diese Entwicklung nicht aufhalten.

 

KNA: Der reißende Absatz des neuen Buches von Thilo Sarrazin deutet darauf hin, dass viele Menschen Angst vor Überfremdung haben. Wie lässt sich damit angemessen umgehen?

 

Glück: Wichtig wäre zunächst Information über die ganze Wirklichkeit. Und die ist sehr differenziert. Zuwanderer sind unverzichtbar für unsere Wirtschaft. Viele Menschen hoffen, dass sie bei einem Pflegefall in ihrer Familie eine bezahlbare ausländische Hilfskraft finden, etwa aus Osteuropa. Ähnliche Bedarfsmeldungen gibt es aus anderen Branchen. Längst ist ein internationaler Wettbewerb um die besten Köpfe aus aller Welt im Gange, dem wir uns allein schon wegen unserer niedrigen Geburtenrate stellen müssen. Wenn wir keine differenziertere Zuwanderungsdebatte führen, schießen wir uns selbst ins Knie. ./.

 

KNA: Ist es sinnvoll, zwischen erwünschten und unerwünschten, geeigneten und weniger geeigneten Zuwanderern zu unterscheiden?

 

Glück: Unterscheidungen sind völlig legitim. Nur darf es da nicht um Rasse oder Religion gehen. Alle klassischen Einwanderungsländer differenzieren danach, welche Arbeitskräfte für sie wichtig sind. Natürlich gibt es auch andere Gruppen von Zuwanderern, Flüchtlinge oder Menschen, die über den Familiennachzug nach Deutschland kommen, zum Teil aus den rückständigsten Gebieten der Türkei. Hier sind Anforderungen zu stellen und auch mit Sanktionen durchzusetzen. Aber das ist eben nicht die ganze Wirklichkeit.

 

KNA: Momentan ist viel von Anforderungen an die Migranten die Rede. Zur Integration gehört aber auch die andere Seite.

 

Glück: Es ist menschlich, dass Fremdes zunächst beunruhigt, vor allem wenn es in großer Zahl auftritt. Aber man kann von Zuwanderern nur etwas erwarten, wenn ihnen das Gefühl vermittelt wird, willkommen zu sein. Wenn ihnen jetzt suggeriert wird: Als Muslim bist du von Haus aus verdächtig, als Zuwanderer bist du leider notwendig, aber lieber wäre uns, wir bräuchten dich nicht, dann fördert das nicht gerade die Motivation, sich zu integrieren.

 

KNA: Gibt es etwas auf muslimischer Seite, das Sie vermissen?

 

Glück: Im Islam gärt es, dort stellen sich Grundsatzfragen der Akzeptanz der modernen Welt. Wichtig ist, offen und ehrlich Probleme und Meinungsverschiedenheiten anzusprechen. Ich denke, dass sich auch die Repräsentanten des Islam in Deutschland noch stärker damit auseinandersetzen müssen, was sich bei ihnen ändern muss und wie sie Vertrauen stiften können. (KNA - lklklo-BD-1144.53EA-1)

 


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