Salafismus-Forscherin Dantschke zum Umgang mit Islamisten

KNA 23.06.2011
„Die Ursachen von Radikalisierung bekämpfen“
Salafismus-Forscherin Dantschke zum Umgang mit Islamisten
Von Christoph Schmidt (KNA)
Ihr Vorbild sind die frühen Muslime aus dem siebten Jahrhundert, die „salaf“. Und ihr Islamverständnis mutet viele steinzeitlich an. Salafisten sind laut Verfassungsschutz die am schnellsten wachsende islamistische Strömung in Deutschland. Sie verstehen nicht nur den Koran wörtlich und fordern den Gottesstaat mitsamt Scharia, sondern haben auch Verbindungen zur Terrorszene. Dutzende Salafisten aus Deutschland sollen bereits in pakistanischen und afghanischen Terrorcamps ausgebildet worden sein. Die Politik forderte jetzt schärfere Maßnahmen. Die Salafismus-Forscherin Claudia Dantschke vom Berliner Zentrum Demokratische Kultur mahnte im Gespräch mit der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) am Mittwoch zu einer differenzierten Sicht.
KNA: Frau Dantschke, auf ihrer Konferenz in Frankfurt haben die Innenminister diese Woche intensiv über den Umgang mit Salafisten beraten. Viele fordern ein härteres Vorgehen, inklusive schnellerer Abschiebungen und Vereinsverboten. Zu Recht?
Dantschke: Da ist zumindest auf Unionsseite eine gute Portion Alarmismus im Spiel. Schließlich will man die FDP in der Koalition für eine Verlängerung der Anti-Terror-Gesetze weichklopfen. Dafür setzen einige offenbar auf die Salafistenkeule.
KNA: Eine Terrorstudie geht von bundesweit 200 „Gefährdern“ aus der salafistischen Szene aus, hinzukommen deren Sympathisanten. Sind das in Wahrheit Musterbeispiele für gute Integration, die sich schon aufs nächste interkulturelle Straßenfest freuen?
Dantschke: Das habe ich nicht gesagt. Diesen dschihadistischen, gewaltbereiten Flügel der Bewegung gibt es und er ist eine reale Gefahr. Was mich stört, ist die pauschale Sicht auf das Gesamtphänomen, das in Wirklichkeit viel vielschichtiger ist, als es die Erklärungen von Innenministern in der Regel erfassen. Nicht jeder Muslim mit Vollbart und Pluderhose denkt gleich.
KNA: Es gibt also auch offene und tolerante Salafisten, die eine kulturelle Bereicherung für die Gesellschaft sind?
Dantschke: Wenn Sie so fragen: Nein, die gibt es nicht. Salafismus ist eine Ideologie, die Integration verhindert und Abgrenzung will - übrigens nicht nur von der westlichen Gesellschaft, sondern auch vom orthodoxen Mehrheitsislam, der als zu lau empfunden wird. Die puristischen Salafisten ziehen sich dabei einfach auf sich selbst zurück und wollen in Ruhe ihr Islamverständnis ausleben; eine zweite Gruppe will missionarisch die Gesellschaft überzeugen; eine dritte predigt Hass auf die Ungläubigen und die vierte, die Dschihadisten, lässt diesem Hass möglichst auch Gewalt folgen. Alle vier Varianten vertreten ein antidemokratisches, intolerantes Weltbild, weil sie ein verengtes, buchstabengetreues
Islamverständnis haben. Trotzdem sollten wenigstens wir differenzieren.
KNA: Das klingt ein bisschen akademisch. Die Übergänge zwischen den vier Varianten erscheinen ziemlich fließend.
Dantschke: Ja und darin liegt auch eine der Gefahren. Es gibt aber mehr interne Auseinandersetzungen als Sie denken. Zum Beispiel haben viele Puristen, aber auch Missionare, den Predigerstar Pierre Vogel angegriffen, weil er ihnen mit seinen ständigen Auftritten viel zu laut und aktionistisch ist. Auch sein Aufruf zu einem Totengebet für Osama bin Laden hielten nicht wenige Salafisten für das falsche Signal. Vogel wiederum hat sich zwar immer wieder laut und deutlich vom Terrorismus gegen Unbeteiligte distanziert. Er lässt den Gesprächsfaden zu dschihadistischen Predigern aber auch nicht ganz abreißen.
KNA: Was löst angesichts dieser Situation politischer Druck aus?
Dantschke: Eine repressive Generaloffensive der Politik gegen die Salafisten würde alle Fraktionen nur zusammenschweißen. Stattdessen sollten sich die Sicherheitsbehörden auf die Dschihadisten konzentrieren und die gemäßigteren Salafisten dabei mit einbinden. Unter denen werden sie wahrscheinlich effektivere Bündnispartner gegen die Terrorgefahr finden als in den etablierten Islamverbänden.
KNA: Käme das nicht einer Akzeptanz von Positionen gleich, die gegen die freiheitliche Gesellschaft gerichtet sind?
Dantschke: Deshalb darf es nicht dabei bleiben. Alle müssen sich fragen, warum sich junge Menschen von den Salafisten anziehen lassen, die Mehrheitsgesellschaft genauso wie die muslimischen Gemeinden. Welche Alternativen bieten sie den Jugendlichen denn? Junge Muslime sagen mir immer wieder, dass sie mit den alten konservativen Imamen in ihren Moscheegemeinden nicht viel anfangen können - auch weil die oft auf Türkisch oder in anderen Herkunftssprachen predigen. Die Salafisten sprechen Deutsch und über ganz lebensnahe Inhalte, die für die Jugendlichen relevant sind. Sie bieten vermeintlich Identität, Gemeinschaft und eine Lebensaufgabe. Wenn dann noch ein gewisses Che-Guevara-Image dazukommt wie bei Pierre Vogel, haben Sie die Mischung, die den Erfolg der Salafisten ausmacht. Das ist auch attraktiv für nichtmuslimische Jugendliche, die dann konvertieren.
KNA: Wie groß ist der Erfolg denn wirklich? Die Rede ist immer von inzwischen 3.000 bis 5.000 Salafisten bundesweit.
Dantschke: Das zeigt schon, dass solche Gesamtzahlen wenig aussagen. Sinnvoller ist ein Blick auf die überregional aktiven salafistischen Prediger. 2005 gab es von ihnen ein halbes Dutzend. Seitdem ist die Zahl auf ungefähr 20 gestiegen. Es gibt salafistische Gruppen fast in jeder Stadt, die Chancen für Jugendliche, auf diese Gruppen zu stoßen, ist also sehr groß. Hinzu kommt das Internet, vor allem die sozialen Netzwerke wie Facebook. Gleichzeitig stoßen die Salafisten in den Mehrheitsgemeinden aber auf zunehmende Ablehnung. Viele Moscheen lassen, auch wegen des gesellschaftlichen Drucks, keine salafistischen Prediger mehr rein. Doch Ausgrenzung allein löst nicht das Problem. Man muss die Ursachen der Radikalisierung angehen.
(KNA - llkqmm-BD-1142.46TO-1)

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