2. Dialogseminar COMECE-KEK-KAS im Europäischen Parlament

Die Sichtbarkeit von Religion im öffentlichen Raum: der Bau von Moscheen in Europa
Die wachsende Präsenz von Angehörigen der muslimischen Religion in vielen europäischen Ländern hat eine gesellschaftliche Debatte über das Tragen von religiösen Symbolen in der Kleidung ausgelöst. Die Errichtung muslimischer Gebetsstätten erregte jüngst das öffentliche Interesse und ist in zahlreichen europäischen Städten auf Widerstände getroffen. Obwohl die europäischen Länder über Rechtssysteme verfügen, welche die Religionsfreiheit und damit auch die Freiheit zu Gottesdienstfeiern garantieren, stellt sich die Frage nach der Sichtbarkeit der Religion in der europäischen öffentlichen Sphäre.
Zu diesem Thema veranstalteten am 29. Mai 2008 die Kommission der Bischofskonferenzen der Europäischen Gemeinschaft (COMECE), die Kommission „Kirche und Gesellschaft“ der Konferenz Europäischer Kirchen (KEK) sowie das Europabüro der Konrad-Adenauer Stiftung (KAS) in Zusammenarbeit mit muslimischen Organisationen das zweite Dialogseminar im Europäischen Parlament . Rund einhundert Teilnehmer – Europaabgeordnete, europäische Beamte sowie Mitglieder religiöser Organisationen und Gemeinschaften nahmen an dem Seminar teil(1).
Im Hinblick auf Versuche, religiöse Symbole aus der Öffentlichkeit zu verbannen, warnte der ungarische Europaabgeordnete László Surján (EVP-ED) vor einer Rückkehr von Christen und anderer europäischer Gläubigen in die „Katakomben“ – eine Erfahrung, die die osteuropäischen Christen während der 40-jährigen kommunistischen Diktatur gemacht hätten.
Frau Chantal Saint-Blancat, Soziologieprofessorin der Universität von Padua (Italien), wies darauf hin, dass die Errichtung von neuen Gebetsstätten das uns vertraute Stadtbild erschüttert. Dies führe zu Diskussionen und sogar Spannungen zwischen Muslimen einerseits und Anwohnern und der lokalen Verwaltung andererseits, wenngleich in bestimmten Ländern, insbesondere in Skandinavien, die Errichtung von Moscheen auf einvernehmlichere Weise vonstatten zu gehen scheint. Frau Saint- Blancat betonte indes, dass diese Spannungen auch Chancen hervorbringen können wie etwa die gegenseitige Anerkennung der verschiedenen Gemeinschaften, ein besseres Verständnis auf muslimischer Seite für den europäischen Säkularisierungskontext und schließlich die Chance, den städtischen Raum in ein „Experimentierfeld für Pluralismus“ für unsere multikulturellen Gesellschaften zu verwandeln.
Frau Berit Schelde Christensen, Pastorin der evangelisch-lutherischen Kirche (Dänemark), erinnerte an den Beitrag der Religionen für den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Die Errichtung von Kultstätten sei wichtig, um der Sinnsuche unserer Mitbürger einen Raum zu geben. „Die spirituelle Suche jedes Menschen muss anerkannt werden“, betonte sie und bedauerte, dass die religiöse Sprache aufgrund der starken Säkularisierung der Gesellschaft von unseren Zeitgenossen nicht mehr verstanden wird. Sie rief die Gläubigen in Europa auf, darüber nachzudenken, wie das Prinzip der Transzendenz genutzt werden kann, um einen positiven Beitrag zum Gemeinwohl zu leisten.
Imam Yahya Sergio Pallavicini, Vizepräsident der Islamischen Religionsgemeinschaft Italiens, lehnte sowohl den religiösen als auch den laizistischen Extremismus ab und rief zur Entwicklung einer Kultur des religiösen Pluralismus auf. Er erinnerte an die Tatsache, dass die meisten großen Moscheen, die derzeit in den europäischen Hauptstädten gebaut werden, von Saudi Arabien finanziert werden und äußerte den Wunsch, dass die Moscheen Orte des Gebetes bleiben und nicht zu Plätzen der politischen Einflussnahme werden.
Schließlich präsentierte Herr Joël Privot, Architekt und Mitbegründer der auf die Errichtung von Moscheen spezialisierten Beratungsagentur Expert-isseine Herangehensweise bei der Errichtung muslimischer Gebetsstätten. Demzufolge komme es darauf an, Anwohner, die lokale Verwaltung sowie die Mitglieder der religiösen Gemeinschaft beim Entwurf und bei der Einbettung der Moscheen in den europäischen Kontext zu beteiligen. Er erläuterte, daß überall, wo sich der Islam in der Welt angesiedelt hätte, sich die Architektur der Moscheen an den örtlichen Kontext angepaßt hätte. Integration im Rahmen eines interkulturellen Ansatzes führt daher seiner Meinung nach über die Errichtung von Moscheen mit hoher architektonischer und umweltfreundlicher Qualität; sie müssten zudem offen und einladend für die benachbarten Anwohner sein.
Das aus der zunehmenden Präsenz der Muslime in Europa erwachsende Problem zeigt, wie wichtig es ist, die alte Diskussion um die Sichtbarkeit der Religion im öffentlichen Raum auf der Grundlage von Dialogbereitschaft und gegenseitiger Abstimmung zu führen: Nur so ist ein harmonisches und friedliches Miteinander unserer zunehmend pluralistischen
und multikulturellen Gesellschaften möglich.
Vincent Legrand (Originalfassung des Artikels: Französisch)
(1) Ausführlicher Bericht abrufbar unter: www.cec-kek.org/pdf/EuropeUpdateEventRptMay2008.pdf.
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Wir bedanken uns für die freundliche Genehmigung bei der Commission of the Bishops’ Conferencesof the European Community. Der Artikel ist der Zeitschrift Europe Infos Nr. 107 (Juli-August 2008), S. 11 entnommen.

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Papst Benedikt XVI.; syrische Großmufti Scheich Ahmad Badr el Din Hassoun ; interreligiöser Dialog; interreligiöses Treffen
