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  1. COMECE-KEK-KAS Dialog Seminar im Europäischen Parlament

Interkultureller Dialog: Eine Antwort auf welche Probleme?

 

 

Die Kommission der Bischofskonferenzen der EU (COMECE) hat eine vierteilige Seminarreihe zum Thema „Islam, Christentum und Europa“ initiiert, die sie im Europäischen Parlament (Brüssel) gemeinsam mit der Kommission „Kirche und Gesellschaft“ der Konferenz Europäischer Kirchen (KEK), dem europäischen Büro der Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS) und in Zusammenarbeit mit einigen auf europäischer Ebene tätigen muslimischen Organisationen organisiert.

 

 

Das erste dieser Seminare, an dem etwa 100 Personen – großenteils aus der „Zivilgesellschaft“ – teilnahmen, fand am 17. April 2008 in Form einer Podiumsdiskussion zwischen muslimischen und christlichen Expertenstatt. Diese tauschten sich über die Bedeutung des interkulturellen Dialogs in unseren heutigen Gesellschaften aus; da diese viel stärker multikulturell geprägt sind als frühere Gesellschaften, geht es beim interkulturellen Dialog nun darum zu lernen, gemeinsam in der Vielfalt zu leben.

 

„Die Europäische Union muss mehr sein als ein einfacher, ökonomischer Raum“, betonte in seiner Eröffnungsrede Pfr. Rüdiger Noll, Moderator des Seminars und Direktor der Kommission „Kirche und Gesellschaft“ der Konferenz Europäischer Kirchen: „Das europäische Projektmuss ein Projekt von Europäern und für Europäer sein, es muss ein Projekt auf der Grundlage gemeinsam geteilter Werte sein. Darum ist das Europäische Jahr des Interkulturellen Dialogs so wichtig.“

 

Prof. Dr. Ural Manço, Religionssoziologe an der Universität Saint-Louis (Brüssel), bezog sich in seinem Vortrag insbesondere auf die Muslime, die im Laufe der letzten 50 Jahre nach Westeuropa gekommen sind. Er betonte, dass im gegenwärtigen Kontext des postindustriellen Zeitalters, mit seiner wachsenden Individualisierung innerhalb der Gesellschaft, Menschen die Notwendigkeit verspüren, sich und ihre Identität fortwährend und auf allen Ebenen zu bestätigen. Andernfalls haben sie nämlich das Gefühl, nicht anerkannt zu sein. So ist für viele Migranten der Islam ein Weg, sich selbst in der westlichen Gesellschaft zu behaupten. Dies gilt insbesonderefür diejenigen, die wegen ihrer gering qualifizierten oder fehlenden Arbeit keine Anerkennung finden. Ihre Zugehörigkeit zu einer Religionsgemeinschaft fungiert also als „Unterscheidungsmerkmal“, das es ihnen auf der Suche nach Anerkennung ermöglicht, ihre Identität zu bekräftigen. Ein anderer Aspekt dieses Phänomens entsteht dadurch, dass die Muslime in Gesellschaften, in denen anscheinend niemandem ein Recht verweigert wird, immer mehr die Anerkennung ihrer Rechte fordern.

 

Religionen haben ihre internen Probleme und Hindernisse, erklärte Imam Tareq Oubrou, Rektor der Al-Houda-Moschee in Bordeaux (Frankreich). Daher dürfe der Dialog zwischen den Religionen nicht den Dialog innerhalb einer Religion ersetzen. Mit Hilfe des intrareligiösen Dialogs sollte sich eine Religion gezielt ihrenganz spezifischen Problemen zuwenden. Dabei sollte sie sich insbesondere mit der Problematikbefassen, dass sich bestimmte Personen weigern, sich dem anderen zu öffnen und in einen interreligiösen Dialog zu treten; dabei ist die grundlegende Frage, wie man mit jemandem umgehen soll, der aus unterschiedlichen Gründen – sei es aus Unkenntnis oder aufgrund von Missverständnissen – einem solchen Dialog ablehnend gegenüber steht. Für Imam Oubrou als Vertreter eines orthodoxen Islam ist der Dialog eine theologische Notwendigkeit, die sich auf zahlreiche Passagen im Koran gründet, in denen Vielfalt und Toleranz gepriesen werden. Diese orthodoxe Theologie einer Offenheit gegenüber der Vielfalt sei sehr wichtig, und Imam Oubrou bedauert, dass Muslime noch nicht ihre theologischen Hausaufgaben in diesem Bereich gemacht hätten. Er ist auch der Ansicht, dass Muslime viel vom Christentum über Säkularisierung und Moderne lernen könnten und dass sie sich dabei die Erfahrung der Christen zu Nutze machen sollten.

 

P. Ignace Berten, Dominikaner und einer der Gründer des in Brüssel ansässigen Europa-Instituts „Espaces”, erklärte, dass Integration für Immigranten, die aus Nordafrika oder der Türkei kommen, zweifellos schwieriger sei als für diejenigen aus Spanien oder Portugal, und zwar aufgrund der größeren kulturellen Kluft. Ihm zufolge besteht die zweite und dritte Generation von Muslimen aus jungen Leuten, die unter einer Identitätskrise leiden und sich als Opfer in ihrer Gesellschaft fühlen. Lösungen für dieses Problem der Integration könnten in der Bildung (eine möglichst frühe Integration durch die Schule ist dabei von zentraler Bedeutung), der sozialen Unterstützung und einer besseren Kenntnis der Geschichte des jeweils anderen liegen; durch ein solches breiteres Wissen ließe sich der Standpunkt des anderen in die eigene Lesart der Geschichte integrieren. Im Hinblick auf die unterschiedlichen Lebensstile und Gebräuche stellt sich die Frage, inwieweit man die Unterschiede zulässt. Akzeptanz auf Seiten der Gastgebergesellschaft heißt, dass sie sich bemühen muss, den anderen in seiner Andersartigkeit bei sich aufzunehmen; für den Immigranten bedeutet es, einige seiner Gebräuche und Traditionen an die Gastgebergesellschaft anzupassen. Schließlich stellte P. Berten fest, dass das Christentum durch das Einordnen seiner religiösen Texte in den geschichtlichen Zusammenhang in der Lage ist, zwischen dem Glauben an sich und kulturell bedingten Formen zu unterscheiden.

 

Während der Diskussion, die sich an die Vorträge anschloss, wurden zahlreiche interessante Punkte angesprochen, von denen im Folgenden die wichtigsten genannt werden. Imam Tareq Oubrou betonte, dass der interreligiöse Dialog nicht allein eine Antwort auf Probleme sein soll, sondern sich auch als eigenständiger und unerlässlicher Bestandteil einer Zivilisationsgesellschaft begreifen soll. Darüber hinaus dürften Nichtgläubige diesen Dialog nicht als gegen sie gerichtete Bedrohung auffassen. Seraffetin Pektas, Vorsitzender der Plattform des Interkulturellen Dialogs (PDI), stellte fest, dass die muslimische Theologie der Vielfalt, wie sie von Imam Oubrou vorgestellt wurde, in den vergangenen zwei bis drei Jahrhunderten in Vergessenheit geraten sei und neu belebt werden müsse. In dieser Hinsicht müssten die Muslime stärker selbst die Initiative ergreifen und ihre Opferhaltung aufgeben, da anderenfalls andere in ihrem Namen diese Initiative ergreifen würden. Als Reaktion auf den Vortrag von Prof. UralManço stellte Dr. Karim Chemlal, der in Belgien die Föderation Islamischer Organisationen in Europa (FIOE) vertritt, fest, dass die Suche nach religiöser Orientierung nicht allein als Produkt der wirtschaftlichen und sozialen Marginalisierung, sondern auch als integraler Bestandteil der natürlichen und jedem Menschen eigenen Sinnsuche zu sehen sei. Er wurde von mehreren Diskussionsteilnehmern darauf aufmerksam gemacht, dass die europäischen Gesellschaften stark säkularisiert seien. In diesem Zusammenhang schlugen manche vor, den interkulturellen Dialog auf Humanisten ohne religiöse Bindung und auf Nichtgläubige auszudehnen. Nach Ansicht einer Teilnehmerin müsste der interreligiöse Dialog Elemente beinhalten, durch die der andere versteht, warum ein jeweiliger Furcht vor einem anderen empfindet. In dieser Hinsicht hätten die Europäer Schwierigkeiten zu begreifen, welche Ängste sie auslösten, nämlich die vor einem weltlichen Fundamentalismus, der Europa beherrscht. Schließlich lud Prof. Dr. Ural Manço dazu ein, über die sozialen Gebräuche und Missbräuche des Islam nachzudenken, der im Westen die Rolle eines „Feigenblatts“ innehat: Denn indem man mit dem Finger auf den „problematischen“ Islam zeigt, drückt man sich davor, sich selbst und die Probleme, die man hervorbringt, zu hinterfragen. Zwar plädierte der wissenschaftliche Experte für eine gewisse Entdramatisierung des Problems der Islamophobie, gleichzeitig wies er, wie auch andere Diskussionsteilnehmer, auf dieses unterschwellige Phänomen hin, das für ihn ein Bestandteil der Rezeption des Islam im westlichen Bezugsuniversum mit seinen unausgesprochenen Annahmen ist. „Unwissenheit tötet (physisch)!“, rief er aus. Daher sind für Europa die 15 Millionen dort lebenden Muslime eine Ressource, mit deren Hilfe die todbringende Unwissenheit in beiden Welten bekämpft werden kann.

 

In der Zusammenfassung der Podiumsdiskussion hob die rumänische Europaparlamentarierin Ramona Nicole Mănescu (ALDE/RO) die Schwierigkeiten hervor, auf die man trifft, wenn man einen wirklichen interkulturellen Dialog erfolgreich führen will. Sie nimmt an, dass bestehende Diskriminierungen der Muslime zu antiwestlichen Gefühlen führen könnten. Obwohl die „Charta der Grundrechte“ der EU das Recht auf Religionsfreiheit garantiert, ist dies nicht ausreichend. Die zunehmende Islamophobie ist ein Hindernis für den Dialog. In Anlehnung an Dr. Karim Chemlal (FIOE) schlug sie den europäischen Bürgern vor, den kulturellen Beitrag des Islam zur europäischen Kultur und Zivilisation zu entdecken. Sie nannte des Weiteren auch die Notwendigkeit, Organisationen und Kirchen ganz in den Entstehungsprozess des interkulturellen Dialogs einzubinden, ohne dabei die Annäherung auf lokaler Ebene (in der Nachbarschaft, im Stadtviertel oder zwischen Einzelnen) zu vernachlässigen. Die Europaparlamentarierin unterstrich die besondere Rolle der Frauen, die mit ihrer größeren Fähigkeit zur Empathie sehr viel zum Erfolg des interkulturellen Dialogs beitragen könnten. Schließlich betonte sie, dass sich das Konzept von offenen Grenzen nicht nur auf Ländergrenzen, sondern auch auf Grenzen zwischen Völkern und Kulturen beziehen sollte. Zum Abschluss zitierte sie Imam Tareq Oubrou: „Wenn der Himmel uns trennt, bringt uns die Erde ein gemeinsames Schicksal und gemeinsame Herausforderungen."

 

Vincent Legrand

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Wir bedanken uns für die freundliche Genehmigung bei der Commission of the Bishops’ Conferencesof the European Community. Der Artikel ist der Zeitschrift Europe Infos Nr. 105 (Mai 2008), S. 10-11 entnommen.


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