Tiefe Trauer über Gewalt in Nigeria

KNA 28.12.2011
Tiefe Trauer über Gewalt in Nigeria
Attentate überschatten den Weihnachtsfrieden
Von Johannes Schidelko (KNA)
Vatikanstadt (KNA) Als ein „Fest des Herzens“ bezeichnete Papst Benedikt XVI. Weihnachten bei der Christmette im überfüllten Petersdom. Wenige Stunden später gingen vor christlichen Kirchen in Nigeria fast gleichzeitig mehrere Bomben hoch. Die Bilanz: mehr als 40 Tote. Die islamistische Gruppe „Boko Haram“, die im Norden Nigerias einen islamischen Staat errichten will, übernahm die Verantwortung. Politiker in aller Welt verurteilten das Attentat. Benedikt XVI. sprach am zweiten Weihnachtstag von „absurden“ Taten. In einem eindringlichen Appell forderte er ein Ende des Blutvergießens und rief zum Gebet für die Opfer auf. Mit Blick auf die Täter betete er: „Mögen die Hände der Gewalttäter innehalten, die Tod säen, und mögen auf der Welt Gerechtigkeit und Frieden herrschen.“
Dieser Frieden, der zur Kernbotschaft des Weihnachtsfests mit der Geburt des „Friedensfürsten“ erinnert, war in den vergangenen Jahren immer wieder durch spektakuläre Anschläge gestört worden. 2010 ging während der Christmette in einer katholischen Kirche auf den Philippinen eine Bombe hoch. Und auch aus Nigeria gab es Meldungen von Anschlägen auf Christen. Der Papst-Appell zum zweiten Weihnachtstag, dem Fest des Märtyrers Stephanus, war somit auch dieses Jahr sehr real und konkret. An diesem Tag gedenkt die Kirche der verfolgten Christen, deren Glaubensmut auch heute immer wieder das Martyrium fordert.
Benedikt XVI. ergänzte mit diesem Aufruf die großen Friedenswünsche, die er am Tag zuvor in seiner Weihnachtsbotschaft an die Welt gerichtet hatte. Dabei galt der Blick diesmal besonders den Krisenherden Afrikas und des Nahen Ostens. Er plädierte für eine Wiederaufnahme des Dialogs zwischen Israelis und Palästinensern. Er forderte ein Ende der Gewalt in Syrien. Er erbat Gottes Hilfe für volle Versöhnung und Stabilität im Irak und in Afghanistan; und für die Länder des „Arabischen Frühlings“ erflehte er „neue Kraft beim Aufbau des Allgemeinwohls“.
Im Mittelpunkt der päpstlichen Weihnachtsansprachen stand freilich der christliche Gehalt des kirchlichen Hochfests. Zu Weihnachten gedenke die Christenheit der Geburt vor 2.000 Jahren im Stall von Bethlehem. Gott habe seinen Sohn als Retter in die Welt gesandt; er habe sich damit aller Gewalt entgegengestellt und eine Botschaft des Friedens gebracht. Daher seien die Christen angesichts der andauernden Gewalt in vielen Teilen der Welt angehalten, Friedensstifter zu werden - damit der Frieden Gottes „in dieser unserer Welt siegt“.
Die langen Weihnachtszeremonien hat der Papst offenbar gut überstanden. Beim Angelusgebet am zweiten Weihnachtstag wirkte er entspannt und zufrieden. Um dem 84-Jährigen eine etwas längere Ruhephase zu ermöglichen, war die Mitternachtsmette diesmal auf 22.00 Uhr vorverlegt worden. Zudem ließ er sich von Helfern auf einer fahrbaren Plattform durch den Mittelgang des Petersdoms zum Altar schieben. Vor seinem Segen „Urbi et orbi“ richtete er dann Wünsche in 65 Sprachen an alle Welt.
Weihnachten 2011 war in Rom und im Vatikan wieder ein großes Fest: Besucher aus aller Welt kamen in die Ewige Stadt und erlebten bei kaltem, aber sonnigem Winterwetter eindrucksvolle Liturgien im Petersdom. Unterdessen ermahnte Benedikt XVI. mit Nachdruck, den christlichen Charakter des Weihnachtsfests in den Mittelpunkt zu stellen. Er wandte sich gegen eine Fixierung auf das Materielle, das Messbare und Greifbare. Weihnachten werde immer mehr zu einem „Fest der Geschäfte“, klagte er. Die Christen sollten „durch die glänzenden Fassaden dieser Zeit hindurchschauen bis zum Kind im Stall zu Bethlehem“. Nur so könnten sie „die wahre Freude und das wirkliche Licht entdecken“.
(KNA - lllmmq-bd-1357.07so-1)
Blutige Spur von Weihnachtsfest zu Weihnachtsfest
Anschläge auf Kirchen in Nigeria überschatten erneut das Fest
Von Katrin Gänsler (KNA)
Abuja (KNA) Gäbe es in Nigeria das „Unwort des Jahres“, hätte Boko Haram die besten Chancen darauf. Noch nie zuvor haben die Aktionen der islamistischen Sekte so viele Todesopfer gefordert wie 2011. Jetzt hat sie sich auch zur neuesten Anschlagserie auf christliche Kirchen bekannt. Dabei kamen am ersten Weihnachtstag mehr als 40 Menschen ums Leben. Schon im Vorfeld hatten viele Christen im Land neue Anschläge befürchtet. Boko Haram hatte sich bereits in den vergangenen Tagen zu verschiedenen Anschlägen in Nordnigeria bekannt, bei denen 46 Menschen ums Leben gekommen waren. Ein Ende von Terror und Einschüchterung ist trotz einiger Verhaftungen in jüngster Zeit noch längst nicht in Sicht. Es scheint, als setze die Gruppe ihren Kampf für einen Staat auf Grundlage der Scharia und ohne westlich geprägte Demokratie ungebrochen fort.
Schon zum Weihnachtsfest 2010 hatte es mehrere Anschläge auf christliche Einrichtungen in Nigeria gegeben. In der Stadt Jos etwa, drei Autostunden von Abuja entfernt, waren auf dem Markt eines christlich geprägten Viertels fast zeitgleich vier Bomben explodiert und hatten 37 Menschen getötet. Die Anschläge, zu denen sich die bis dahin völlig unbekannte Gruppe bekannte, waren der Auftakt eines wahren Terrorjahres in Nigeria. Im Februar warnte die Polizei - auch mit Blick auf die bevorstehenden Wahlen - vor der Gefahr der islamistischen Organisation, deren Name übersetzt bedeutet: „Westliche Bildung ist Sünde“. Boko Haram sei das größte Sicherheitsrisiko, das es in dem afrikanischen Riesenstaat gebe.
Und die Polizei sollte Recht behalten. Bislang hatten die Anhänger ausschließlich im Bundesstaat Borno im Nordosten des Landes operiert. Ende Juni änderte sich das, und das Hauptquartier der Polizei in Abuja wurde zum Ziel der Islamisten. Sie ließen die Regierung spüren, wie verwundbar sie ist - und wie schlecht die Sicherheitsmaßnahmen sind. Es folgten weitere Anschläge auf Lokale, Kirchen, Polizeistationen und Banken. Endgültig ins internationale Bewusstsein rückte Boko Haram am 26. August. An jenem Freitagmittag griffen Selbstmordattentäter das Gebäude der Vereinten Nationen im belebten Diplomatenviertel von Abuja an. Mehr als 20 Menschen starben. Seitdem hat sich der Druck auf Präsident Goodluck Jonathan extrem erhöht - und in Nigeria vergeht kaum ein Tag, an dem nicht jemand dem Staatsoberhaupt eine neue Lösung für das Problem Boko Haram anbietet.
Am meisten gestritten wird allerdings darüber, ob mit Terroristen verhandelt werden dürfe oder nicht. Gesprächsangebote der Regierung gab es in den vergangenen Monaten immer wieder; wohl auch, weil die Spezialeinheit „Joint Task Force“ mehr Unheil anrichtete, als sie für Sicherheit sorgte. Der Menschenrechtler und Boko-Haram-Experte Emmanuel Onwubiko ist fassungslos, wenn er nur an einen Dialog denkt. „Die Gruppe hat Tausende unschuldiger Menschen auf dem Gewissen. Mit ihr verhandelt man nicht“, sagt er. Eine schnelle Lösung hat freilich auch er nicht parat. Erschüttert haben in diesem Jahr nicht nur die Anschläge von Boko Haram; für Angst sorgten auch die Unruhen nach den Wahlen. Anfangs gingen die Anhänger der beiden Spitzenkandidaten aufeinander los. Vor allem im Bundesstaat Kaduna wurden im Verlauf der Ausschreitungen auch gezielt Kirchen und Moscheen niedergebrannt. Misstrauen und Angst vor neuer Gewalt sind dort stärker als je zuvor. Und das ist eine Stimmung, von der am Ende auch Boko Haram profitiert.
(KNA - lllmmp-bd-1607.55so-1)

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