Die Lage der koptischen Christen ist prekär

KNA 11.10.2011
„Viele wollen nur noch ins Ausland“
Die Lage der koptischen Christen ist prekär
Von Christoph Arens (KNA)
Bonn (KNA) Wenige Wochen vor den Parlamentswahlen in Ägypten nehmen die Spannungen zu. Am Sonntagabend kam es in Kairo zu den schwersten Ausschreitungen nach dem Ende der Mubarak-Ära: Nach einer zunächst friedlichen Demonstration Tausender koptischer Christen eskalierte die Gewalt: Nach Medienberichten starben mindestens 24 Menschen, darunter ein Großteil Kopten und einige Soldaten. Ausgangspunkt war offenbar ein Sitzstreik koptischer Christen, die vor dem Gebäude des staatlichen Fernsehens auf eine wachsende Gewalt radikaler Muslime gegen Christen und koptische Kirchen aufmerksam machen wollten. Unklar blieb, wer die Gewalt auslöste. Regierungschef Essam Scharaf sagte, das Land sei „in Gefahr“.
Fest steht, dass der Druck auf die Kopten, die rund 10 Prozent der Bevölkerung ausmachen, zugenommen hat. Mehr als 100.000 von ihnen hätten das Land seit dem Sturz Mubaraks im Februar verlassen, teilte die „Egyptian Union for Human Rights“ mit. Dabei seien sie eine „wirtschaftliche Säule des Landes“, so der Direktor der Organisation, Naguib Gabriel. Die Christen gingen nicht freiwillig, sondern würden durch Einschüchterungen von fundamentalistischen Salafisten und aufgrund fehlenden Schutzes der Regierung dazu gezwungen. Vor allem die junge Wirtschaftselite packe die Koffer.
Auch für deutsche Menschenrechtler steht fest: Die Hoffnungen der ägyptischen Revolution auf Freiheit und Menschenrechte haben sich bislang kaum erfüllt. Die Vorgehensweise des Militärs habe sich wenig verändert, berichtete der Vorstandssprecher der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM), Martin Lessenthin.
Die Diskriminierung der Kopten zieht sich wie ein Krebsschaden durch die ägyptische Gesellschaft. Neu sei nun aber, dass im derzeitigen Schwebezustand neben den fundamentalistischen Muslimbrüdern auch extremistische Salafisten immer populärer würden, berichtete Lessenthin. Bei ihnen bleibe es häufig nicht bei Protesten, so der Vorwurf des koptischen Menschenrechtlers Medhet Klada. Er sammelt Bilder von Opfern gewalttätiger Übergriffe. Darauf sind abgeschnittene Ohren und geschundene Körper zu sehen.
Gründe für die Gewalt liegen laut Lessenthin aber nicht allein in der Religion: Die Minderheit büße als Sündenbock für Entwicklungen, die man den USA oder den Europäern ankreidet. Der Militärrat kümmere sich nicht um die Gewaltexzesse religiöser Eiferer. Eine weitere Zuspitzung befürchtet der Ägyptenexperte Fouad Ibrahim. Der emeritierte Professor für Sozialgeografie prophezeit für den Ausgang der Wahlen im November eine islamistische Regierung. Einen „Gottesstaat“ mit der Scharia will er nicht ausschließen. „Alle islamistischen Strömungen zusammen werden wahrscheinlich 70 Prozent bekommen“, schätzt Ibrahim. Die liberalen Parteien hätten kaum eine Chance. Auch an eine angemessene koptische Vertretung im Parlament sei nicht zu denken. „Zuletzt hat man die Wahlkreise vergrößert, damit die Stimmen der kleinen christlichen Wohngebiete untergehen“, erklärt Ibrahim.
Stärkste islamische Kraft sind derzeit die Muslimbrüder. Sie profitieren von ihrer Erfahrung als Opposition unter Mubarak. An die Möglichkeit einer moderaten konservativ-islamischen Regierung, wie sie der Westen erhofft, will Ibrahim nicht glauben. „Alle islamistischen Gruppierungen haben angekündigt, miteinander zu kooperieren. Und ich kann mir nicht vorstellen, dass die Salafisten einen moderaten Weg zulassen werden.“
Die Angst der Christen vor dem Ergebnis der Wahl erfährt der koptisch-orthodoxe Bischof in Deutschland, Anba Damian, täglich. „Die Leute haben Angst, in die Kirche zu gehen“, berichtet er aus den vielen Emails, die ihn täglich erreichten. Auf dem Arbeitsmarkt würden Christen jetzt noch krasser benachteiligt. Der Bischof fordert internationalen Druck auf die ägyptische Regierung. Nach seiner Ansicht ist der Militärrat von Islamisten infiltriert. Das Militär habe das klare Ziel, „Ägypten in ein islamisches Land zu verwandeln. Die Christen sollen entweder zum Islam übertreten oder das Land verlassen“.
(KNA - lllklk-bd-1442.12to-1)
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