Syriens Christen sind verunsichert und verängstigt

KNA 08.11.2011
„Es gibt wenig zu feiern in diesem Jahr“
Syriens Christen sind verunsichert und verängstigt
Von Karin Leukefeld (KNA)
Damaskus (KNA) Das syrische Regime hat das Opferfest Eid al-Adha mit Versöhnungsgesten begonnen. Die ersten von Tausenden Gefangenen wurden am Wochenende freigelassen. Die Regierung versprach zudem, die Armee seit diesem Wochenende aus Städten und Dörfern abzuziehen. Eine Amnestie für alle, die während der Unruhe zur Waffe gegriffen haben, wurde für diejenigen angeordnet, die nicht getötet haben. Soldaten, die nicht zum Dienst erschienen sind, werden ebenfalls amnestiert, wenn sie sich innerhalb von 60 Tagen melden.
Das orthodoxe Patriarchat von Antiochien beglückwünschte die Syrer und die Muslime im Land zum Opferfest in der Hoffnung, „dass Gott dem syrischen Volk und Präsident Baschar al-Assad helfen möge, Syrien zu erhalten, die Heimat des Glaubens und der Zivilisation“. Syrien sei und werde „immer ein Beispiel für die Freundschaft zwischen Muslimen und Christen sein“, so die Botschaft weiter.
Man bete für die Seelen aller, die bei den Unruhen ums Leben gekommen seien. „Es gibt wenig zu feiern in diesem Jahr“, antwortet Sawsan Zakzak bedrückt auf die Glückwünsche zum diesjährigen Opferfest. Die Situation in Syrien sei beängstigend, sagt sie, „niemand weiß, was aus dem Land werden wird.“ Frau Zakzak hat tiefe Ringe unter den Augen. Sie rührt ihren Kakao um und zündet sich eine Zigarette nach der anderen an. „Eigentlich bin ich krank und sollte das Rauchen einstellen“, lächelt sie müde. Nicht erst seit diesem Jahr engagiert sich die Frauenrechtlerin für eine Veränderung in ihrem Land. Doch seit im März die Proteste begannen, ist sie kaum noch zur Ruhe gekommen.
Mit der Zunahme der Gewalt gerate die politische Diskussion immer weiter in den Hintergrund, sie mache sich große Sorgen um die Zukunft ihrer Heimat. Als Syrerin, nicht nur als Christin, teile sie die Angst vieler vor einem islamischen Staat. „Wie können wir die verfassungsmäßig verankerten Grundrechte unseres zivilen und säkularen Staates bewahren, wenn vieles auf einen Bürgerkrieg hindeutet“, fragt sie und blickt nachdenklich auf den Platz am Thomastor, den Eingang zum christlichen Viertel in der Altstadt von Damaskus.
Die gelben Taxis am Thomastor nehmen im Sekundentakt feierlich gekleidete Fahrgäste auf und setzen andere ab. Es herrscht reges Treiben. Viele Menschen sind mit prall gefüllten Tüten und Taschen beladen unterwegs zu Verwandten. Andere schlendern einfach durch die Altstadt und genießen den Feiertag. Traditionell gratulieren und besuchen sich Syrer aller Religionsgemeinschaften an diesem höchsten Feiertag der islamischen Welt, der - ähnlich dem christlichen Weihnachtsfest – mit vielen Süßigkeiten und im Familienkreis gefeiert wird.
Das Opferfest Eid al Adha dauert vier Tage und erinnert daran, dass Gott Abraham befahl, seinen Sohn zu opfern. Als Gott sah, dass Abraham gehorsam war, stimmte ihn das gnädig, und er befahl Abraham, statt seines Sohnes ein Lamm zu opfern. Reiche Muslime lassen an diesem Tag Hunderte Schafe schlachten und verteilen das Fleisch an Bedürftige. Die meisten Muslime können sich das aber nicht leisten. In Syrien kostet ein Schlachtlamm umgerechnet 180 Euro. Der monatliche Mindestlohn liegt bei etwa 94 Euro.
Ruhiger geht es in Sweida nahe der jordanischen Grenze zu. Während in Damaskus die Händler ihre Läden bis in die frühen Morgenstunden geöffnet haben und viele Geschenke oder Süßigkeiten einkaufen, liegen die Straßen in der Hauptstadt der Drusenprovinz schon am frühen Abend wie ausgestorben da. Für die Drusen, die von vielen Muslimen als Ungläubige angesehen werden, sei Eid al- Adha das einzige große Fest, erzählt Frau Hamsa.
Die gebürtige Deutsche lebt seit 30 Jahren in Syrien. In diesem Jahr werde man nur im Familienkreis zusammen sein, die Lage in Syrien laste auf allen. Das Schlimmste sei die Unsicherheit, was wirklich geschehe im Land, fügt ihre Tochter hinzu. „Wir können den westlichen Medien nicht glauben, und auch die syrischen Medien berichten einseitig, was sollen wir tun?“ Sie sei froh, dass Sicherheitskräfte die Straßen kontrollierten, um Gewalttaten zu verhindern.
Religion habe für ihre christlich-drusisch gemischte Familie nie eine Rolle gespielt, sagt Frau Hamsa. Früher seien Frauen mit einem Kopftuch im Straßenbild die Ausnahme gewesen, erinnert sie sich. Heute seien Frauen ohne Kopfbedeckung die Ausnahme. Die Mode ändere sich eben, meint eine Freundin der Familie. Gerade für junge Frauen sei das Kopftuch in verschiedenen Farben und Formen ein Accessoire. Vieles müsse in Syrien geändert werden, je schneller, desto besser, ist man sich einig. Doch als einer der Gesprächsteilnehmer einen angeblichen Aufmarsch saudischer Panzer entlang der syrisch-jordanischen Grenze erwähnt, wird es still im Raum. Die Grenze ist nur wenige Kilometer entfernt. Niemand mag sich vorstellen, welche Folgen ein Angriff auf Syrien hätte.
(KNA - llllkq-bd-1549.28ca-2)

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