Benedikt XVI. und der interreligiöse Dialog

KNA 26.10.2011
Mehr als nur eine „Saisonentscheidung“
Benedikt XVI. und der interreligiöse Dialog
Von Thomas Jansen (KNA)
Vatikanstadt (KNA) Benedikt XVI. ist nicht der erste Papst der Moderne, der das Gespräch mit den großen Weltreligionen sucht; mehr als seinen Vorgängern geht es dem früheren Hochschullehrer jedoch auch auf diesem Feld um theologische Tiefenschärfe. Auch vor seiner Einladung zum Weltfriedenstreffen am Donnerstag in Assisi ließ Benedikt XVI. nie einen Zweifel daran, dass es zum theologischen Dialog mit Juden, Muslimen und anderen Religionen für ihn keine Alternative gibt.
Schon während seiner ersten Reise besuchte er im August 2005 in Köln die Synagoge und traf mit Vertretern muslimischer Gemeinden zusammen. Es handele sich nicht um eine „Saisonentscheidung“, sondern um eine „vitale Notwendigkeit, von der zum großen Teil unsere Zukunft abhängt“, sagte der Papst 2005 in Köln über den christlichislamischen Dialog. Nicht zuletzt die gegenüber dem Weltfriedenstreffen im Jahr 2002 deutlich gestiegene Zahl der Muslime, die dieses Mal daran teilnehmen, zeigt: Die päpstlichen Worte fanden offenbar Gehör.
Von besonderer Bedeutung ist für Benedikt XVI. die Aussöhnung mit den Juden. „Unwiderruflich“ sei der seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil eingeschlagene Weg der Annäherung, hebt er immer wieder hervor. Das Gedenken an die Schrecken der christlich-jüdischen Vergangenheit ist für ihn ein „moralischer Imperativ“. Auch zeitweilige Verstimmungen auf jüdischer Seite wegen der Neuformulierung der Karfreitagsfürbitte oder der Affäre um die Piusbrüder haben das katholisch-jüdische Verhältnis nicht nachhaltig belastet.
Benedikt XVI. musste im Gespräch mit den Religionen nicht von vorne anfangen. Der deutsche Papst konnte auf dem Fundament aufbauen, das vor allem sein Vorgänger Johannes Paul II. und das Zweite Vatikanische Konzil (1962-1965) gelegt hatten; der Papst aus Polen in erster Linie durch historische Gesten, die Bischofsversammlung durch theologische Weichenstellungen. So besuchte Johannes Paul II. im Jahr 2001 in Damaskus als erster Papst eine Moschee. Das Konzil hatte zuvor die theoretischen Grundlagen gelegt und jede Form von religiösem Antijudaismus verurteilt und zum Gespräch mit den Religionen aufgerufen.
Das Erbe seines Vorgängers galt es für Benedikt XVI. in der Ära nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 fortzuführen. Angesichts des allgegenwärtigen Schreckensszenarios eines „Zusammenstoßes der Kulturen“ drängte vor allem der Dialog mit dem Islam in den Vordergrund. In stärkerem Maße als sein Vorgänger ist Benedikt XVI. im Gespräch mit den Religionen um theologische Schärfe bemüht; er benennt klärungsbedürftige Punkte, scheut nicht davor zurück, auch unbequeme Anfragen zu formulieren und achtet darauf, dass theologische Unterschiede nicht verwischt werden.
Eine zentrale Rolle spielt für Benedikt XVI. insbesondere im Gespräch mit Muslimen und Hindus das Thema Religionsfreiheit. Ob im päpstlichen Grußschreiben zum hinduistischen Fest Diwali oder in der Neujahransprache vor dem Diplomatischen Corps: Der Papst lässt keine Gelegenheit aus, um die herausragende Bedeutung dieses Grundrechtes hervorzuheben und zu einem gemeinsamen Eintreten für Toleranz gegenüber religiösen Minderheiten aufzurufen.
Er scheut auch nicht davor zurück, Regierungen islamischer Länder zu einem wirksameren Schutz der christlichen sowie anderer religiöser Minderheiten aufzurufen, zuletzt nach den Anschlägen auf Kopten in Ägypten. Die theologische Akademie Al-Azhar in Kairo setzte daraufhin aus Protest die regelmäßigen Gespräche mit dem Vatikan aus, die seit 1998 bestanden. Das theologische Fundament für das Gespräch mit den Religionen hat Benedikt XVI. nicht zuletzt in ebenjener Vorlesung vorgestellt, die zur schwersten Krise im Verhältnis zum Islam führen sollte: der sogenannten „Regensburger Rede“ vom September 2006. In der Empörung über ein vom Papst verwendetes Zitat, das den Propheten Mohammed verunglimpfte, ging die wesentliche Botschaft der Rede unter: Religion dürfe nie wider die Vernunft sein, forderte der Papst damals. Alle Religionen müssten daher in ihrem Namen verübte Gewalt verurteilen. Es ist die Botschaft von Assisi.
(KNA - lllkmo-bd-1632.02uo-1)

Auf unserer Hauptseite finden Sie weitere Informationen zu den Themen interreligiöser Dialog und christlich islamischer Dialog.