Nun sind auch islamische Notfallbegleiter im Einsatz

KNA 15.10.2011
Erste Hilfe für die muslimische Seele
Nun sind auch islamische Notfallbegleiter im Einsatz
Von Andreas Otto (KNA)
Köln (KNA) An einem Sonntagmorgen wird Miyesser Ildem zu ihrem ersten Einsatz gerufen. Am Telefon erfährt die 37-jährige Muslima kurz von ihrem „christlichen Kollegen“ in der Notfallseelsorge, worum es geht: Ein türkischer Mann hat sich selbst getötet - und nun gilt es, der Ehefrau beizustehen. Um auf derart verletzte islamische Seelen eingehen zu können, hat die Kölnerin eine Ausbildung in muslimischer Notfallbegleitung absolviert. Sie gehört zu den bundesweit ersten 60 Absolventen.
In Deutschland hat sich die Notfallseelsorge seit den 1990er Jahren etabliert, allerdings auf christlicher Basis. Mit Hilfe der Kirchen ist mittlerweile ein fast flächendeckendes System mit 250 Gruppen von hauptamtlichen Kräften gewachsen. Sie können von Rettungsdiensten rund um die Uhr angefordert werden, wenn Menschen durch den plötzlichen Tod oder schwere Verletzungen etwa eines Angehörigen in extreme psychische Not geraten sind und Hilfe benötigen. Nicht selten treffen aber die christlichen Notfallseelsorger auf muslimische Betroffene - und stoßen dabei an Grenzen.
Das spürt auch Miyesser Ildem, als sie mit dem christlichen Notfallseelsorger in der Wohnung der türkischen Frau eintrifft. Diese spricht gut Deutsch, bleibt gegenüber den beiden aber sehr einsilbig. Erst als die muslimische Helferin sie in ihrer Muttersprache anredet, brechen die Dämme. „Sie fängt an zu reden, ihre Fragen, ihre Trauer, ihre Wut und ihre Sorgen zu formulieren“, so Miyesser Ildem. „In diesem Moment merke ich, warum es wichtig ist, dass ich dabei bin.“
Bei ihren Einsätzen geht es aber längst nicht nur darum, Sprachhürden zu überwinden. Betroffene benötigen Hilfe von einem Menschen, der Verständnis für ihre speziellen kulturellen und religiösen Gefühle hat und zum Beispiel an passender Stelle auch eine geeignete Koran-Sure zitieren kann. Deshalb hat die Christlich- Islamische Gesellschaft (CIG) in Köln gemeinsam mit muslimischen Verbänden und dem Landespfarramt für Notfallseelsorge der rheinischen Kirche ein Konzept entwickelt, um Muslime in die Notfallseelsorge einzubinden und auf ihren Einsatz vorzubereiten. Seit drei Jahren werden solche Seminare angeboten - und auf dem Hintergrund der ersten Erfahrungen ist nun ein Kursbuch mit Anleitungen entstanden.
Die Ausbildung richtet sich an Ehrenamtliche. Sie nennen sich zur Unterscheidung von den professionellen christlichen Kräften nicht Seelsorger, sondern Notfallbegleiter, wie CIG-Geschäftsführer Thomas Lemmen betont. In dem Wort drückt sich aber auch aus, dass die freiwilligen muslimischen Helfer nur im „Huckepack-System“ mit den kirchlichen Notfallseelsorgern aktiv werden. Denn gemeinsam lassen sich akute Krisenreaktionen wie Trauerschocks sensibel und fachkundig zugleich begegnen. Rücksicht auf Herkunft und Religion des Opfers fängt schon im Kleinen an, etwa wenn sich Miyesser Ildem beim Betreten einer fremden Wohnung die Schuhe auszieht und dadurch Respekt bekundet.
Wenn die Notfallbegleiterin eine bekannte Formel wie „Wir gehören Allah - und zu ihm kehren wir zurück“ auf Arabisch spricht, hilft das, den Tod eines Angehörigen zu begreifen. Große Bedeutung kommt den Notfall-Helfern zu, das Verhalten von Einsatzkräften zu erklären. So herrscht mitunter Unverständnis darüber, dass nach „unnatürlichen Todesfällen“ die Polizei eine Obduktion anordnet oder dass sich männliche Rettungsärzte auch um Frauen kümmern.
Der Türkin muss Miyesser Ildem in ganz anderer Weise helfen. Sie weiß nicht, wie sie den Suizid ihres Mannes den Söhnen erklären soll. „Der Einsatz geht bei den Kindern weiter...“ Ihr Büchlein, in dem die Notfallbegleiterin Gebete und Sprüche aus dem Koran gesammelt hat, kann sie diesmal in der Tasche stecken lassen. Denn die junge Mutter macht deutlich, dass sie auf Religion nicht angesprochen werden will. Was Ildem selbstverständlich respektiert. „Wir sind nicht dazu da, die Leute niederzubeten.“
(KNA - lllklo-bd-1127.36ba-1)
Hinweis: Notfallbegleitung für und mit Muslimen, Ein Kursbuch zur Ausbildung Ehrenamtlicher, hrsg. von Thomas Lemmen, Nigar Yardim, Joachim Müller-Lange, Gütersloher Verlagshaus, 19,99 Euro.

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