Studie zeichnet ambivalentes Bild von jungen Muslimen in Asien

KNA 20.09.2011
Zwischen Koran und Karaoke
Studie zeichnet ambivalentes Bild von jungen Muslimen in Asien
Von Michael Lenz (KNA)
Jakarta (KNA) Die Erstarkung eines konservativen politischen Islam in Indonesien und Malaysia trägt Früchte in der jungen Generation. 72 Prozent der islamischen Jugendlichen in Malaysia wollen einer Studie zufolge die Verfassung des südostasiatischen Königreichs durch den Koran ersetzen. 62 Prozent sähen Osama bin Laden als Freiheitskämpfer. Ein ähnliches Bild bietet sich in Indonesien. Zwar sieht hier nur eine Minderheit im Koran die bessere Verfassung. Aber 51 Prozent finden, Politiker sollten durch religiöse Führungspersönlichkeiten ersetzt werden.
Zu diesen Ergebnissen kommt die Umfrage „Werte, Träume, Ideale: Muslimische Jugend in Südostasien“ unter 15 und 25 Jahren alten Jugendlichen der mehrheitlich muslimischen Länder. Die Ergebnisse der Studie, die mit Unterstützung der Friedrich-Naumann-Stiftung und des Goethe- Instituts durchgeführt wurde, sind ambivalent. Einerseits geben sich die jungen Leute religiöskonservativ, stehen aber mit Facebook und Karaoke andererseits auch fest in der Moderne und schätzen demokratische Werte.
Zwar gibt die Mehrheit der Befragten an, ihre Kinder sehr religiös erziehen zu wollen. Im Alltag jedoch ist es mit der Religionspraxis nicht weit her. Kaum jemand weiß durch eigene Lektüre, was im Koran steht. Die Beachtung selbst einfacher islamischer Gebote wie die täglichen Gebete oder das Fasten im Ramadan wird lax gehandhabt. Erstaunlich liberal ist die Einstellung gegenüber Frauen. Die Mehrheit der Jugendlichen lehnt zum Beispiel die Polygamie ab.
„Die Antworten auf Religionsfragen sind zum Teil durch politische Korrektheit zu erklären“, so der Südostasien-Experte der Friedrich-Naumann-Stiftung in Bangkok, Moritz Kleine-Brockhoff. Die Jugendlichen bekämen religiösen Konservatismus eingetrichtert. „Das ist vor allem in Malaysia erschreckend“, so Kleine-Brockhoff. Im Grunde seien die jungen Muslime in ihren Träumen und Werten „hin- und hergerissen“.
Dieser Zwiespalt zeigt sich deutlich in der Haltung zur Politik. In beiden Ländern ist unter den jungen Muslimen einerseits das Interesse an Politik gering, andererseits haben sie ein positives Demokratieverständnis. „Sie sind nicht apolitisch“, betont Kleine-Brockhoff. „Sie haben klare Meinungen, die deutlich in die demokratische Richtung weisen.“ In Malaysia gehöre für die Mehrheit der Jugend eine Opposition zur Demokratie. „Das ist keine Selbstverständlichkeit in einem Land, das seit mehr als fünf Jahrzehnten die gleiche Regierung hat.“
Sowohl Indonesien als auch Malaysia stecken in politischen Turbulenzen. In Indonesien hat der nach dem Sturz des Diktators Suharto vor mehr als zehn Jahren begonnene Reformprozess an Schwung verloren. In der Bevölkerung entsteht dadurch die Sehnsucht nach Führung. Die Antwort darauf bietet für die einen Allah; andere sehnen sich zunehmend nach einem „starken Mann“ a la Suharto. In Malaysia stemmt sich die seit fast 40 Jahren regierende Parteienkoalition „Barisan Nasional“ mit aller Macht gegen einen Reformprozess.
In beiden Ländern - von ihren Gründungsvätern eindeutig als säkulare Staaten entworfen - wird der Islam als politisches Instrument eingesetzt. In Malaysia spielt die dominierende Regierungspartei „Umno“ mit tatkräftiger Unterstützung der staatlich kontrollierten Medien zu ihrer Machterhaltung die islamische Karte und ermutigt radikale malaiisch-muslimische Organisationen zur Hetze gegen ethnische Minderheiten und Christen. In Indonesien finden die radikal-militanten islamischen Organisationen wachsenden Anklang sowohl bei jenen, denen der Reformprozess nicht schnell genug geht, als
auch bei denen, deren Macht zu schwinden droht.
Nach Einschätzung des Sekretärs der indonesischen Bischofskommission für interreligiöse Angelegenheiten, Pater Benny Susetyo, sind die radikalen muslimischen Gruppen vor allem „Geschöpfe des Militärs, des Geheimdienstes und der Polizei“. Für Kleine-Brockhoff ist das Erstarken der islamistischen Kräfte allerdings auch ein Produkt der gesellschaftlichen Öffnung und Demokratisierung, denn: „Der Grad der Freiheit in Indonesien ist hoch.“
(KNA - llktlt-bd-1010.00yu-1)

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