„Das Recht, Religion frei zu praktizieren“

KÖLNER STADT-ANZEIGER: Herr Hünseler, der türkische Ministerpräsident Erdogan will den Bau eines christlichen Pilgerzentrums im südtürkischen Tarsus unterstützen - wenn die Kirche ihn denn um seine Hilfe bitte. . .
PETER HÜNSELER: . . .was natürlich schon längst vorher geschehen ist, und zwar auf mindestens drei Ebenen: Die Grundidee geht vom Vatikan aus, und ich kann mir nicht vorstellen, dass der türkische Botschafter beim Vatikan in Rom nicht angesprochen worden ist. Hier in Deutschland hat sich Kardinal Joachim Meisner an die Türkisch-Islamische Union Ditib gewandt; diese Gespräche laufen noch. Und schließlich ist die katholische Kirche in der Türkei in Verhandlungen mit der Regierung, dieses Bauvorhaben genehmigt zu bekommen.
Was soll Erdogans Aussage dann bedeuten?
HÜNSELER: Ich sehe das so: Ankara hat in der Vergangenheit versucht, das Projekt durch Ignorieren vom Tisch zu bekommen. Aber dann hat Erdogan in Deutschland gesehen, dass die Kirche es ernst meint und dass hier auch das erklärte Ziel der Türkei auf dem Spiel steht, weitere Moscheen in unserem Land zu bauen. Die Einsicht kam allerdings ein bisschen spät. Und deshalb tut er jetzt so, als hätte er bislang von nichts gewusst.
Kommt Ministerpräsident Erdogan jetzt noch dahinter zurück?
HÜNSELER: Ich glaube nicht. Zumal es andernfalls sehr viel schwerer werden wird, in Deutschland Moscheen mit der Zustimmung der Mehrheitsgesellschaft zu errichten. Ich sage nicht, dass der Gegendruck dann von den Kirchen käme - wohl aber werden sich Moscheegegner auf die unnachgiebige Haltung der Türkei beziehen.
Zu Recht?
HÜNSELER: Ich habe mit solchen Leuten nichts am Hut. Aber dass sie damit einen heiklen Punkt berühren würden, lässt sich kaum leugnen.
An einer Basar-Atmosphäre - „Gebt ihr uns unsere Kirche, dann kriegt ihr eure Moscheen“ - kann doch nun wirklich niemandem gelegen sein.
HÜNSELER: Die Deutsche Bischofskonferenz betont ausdrücklich, dass sie diese Form einer „Reziprozität“, eines Gebens und Nehmens streng auf Gegenseitigkeit, nicht will. Die türkischen Muslime bei uns können ja nichts dafür, dass ihr Herkunftsland die Religionsfreiheit anders handhabt als Deutschland. Die Kirche begrüßt es, wenn in Deutschland Moscheen gebaut werden. Aber zugleich dringt sie darauf, dass die Türkei Christen dasselbe Recht einräumt.
Braucht es denn neue Kirchen in der Türkei. So viele Christen gibt es dort ja gar nicht.
HÜNSELER: Es geht zunächst und vor allem um das Recht der Kirchen, über die vorhandenen Kirchen als eigenen Besitz zu verfügen und ihre Religion frei zu praktizieren. Ein Entgegenkommen der Türkei bei dem Tarsus-Projekt hätte hier große symbolische Bedeutung - und könnte womöglich auch das Eis brechen.
Wo sehen Sie noch mögliche Widerstände in der Türkei?
HÜNSELER: In der aufgeheizten Stimmung zum Beispiel, die nicht immer logisch nachvollziehbar ist. Es gibt eine stark ablehnende Haltung gegenüber Deutschland, die sich in den vergangenen Jahren zunehmend verhärtet hat. Das sehen Sie aktuell an den heftigen Reaktionen auf den Hausbrand in Ludwigshafen.
Das Gespräch führte
Joachim Frank

Quelle: Kölner Stadt-Anzeiger 17.02.2008


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