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  Interreligiöser Dialog braucht mehr persönliche Begegnung

Abschlussvorlesung der Mainzer Stiftungsprofessur von Kardinal Karl Lehmann

 

Mainz. Der Mainzer Bischof, Kardinal Karl Lehmann, hat für mehr persönliche Kontakte und Begegnungen im interreligiösen Dialog geworben. „Vielleicht tun wir uns unter anderem deshalb mit dem interreligiösen Gespräch so schwer, weil wir diese schlichten Begegnungsformen - vor allem auch in der Nachbarschaft - gering schätzen und zu wenig pflegen“, sagte er bei seiner Vorlesung zum Abschluss der diesjährigen Mainzer Stiftungsprofessur am Dienstagabend, 7. Juli, vor 1.200 Zuhörern im Hörsaal RW 1 des Neubaus Recht und Wirtschaft der Mainzer Universität.

 

Und weiter: „Hier kann sich hinter einfachen Formen der Begegnung ein wichtiges Feld religiöser Begegnung auftun. Man interessiert sich füreinander und geht nicht achtlos oder achselzuckend aneinander vorüber."

Die Abschlussvorlesung der diesjährigen Johannes Gutenberg-Stiftungsprofessur stand unter der Überschrift „Notwendigkeit, Risiken und Kriterien für den interreligiösen Dialog heute und in Zukunft". Es war der elfte Abend der Reihe, die Kardinal Lehmann als Inhaber der zehnten Stiftungsprofessur „Weltreligionen - Verstehen, Verständigung, Verantwortung" überschrieben hatte. Errichtet wurde die Stiftung „Johannes Gutenberg-Stiftungsprofessur" von der Vereinigung „Freunde der Universität Mainz" aus Anlass des 600. Geburtstags von Johannes Gutenberg im Jahr 2000.

Der Ausbau persönlicher Begegnungen sei eine notwendige Folge des „religiösen Zeugnisses", für das Lehmann in seiner Vorlesung als neue Kategorie des interreligiösen Verständigungsprozesses warb. Wörtlich sagte er: „Ich bin der festen Überzeugung, dass man damit dem interreligiösen Dialog besser gerecht wird, ihn nicht maßlos überfordert und er dadurch auch fruchtbarer werden kann. Es kann sich zudem ein Verstehen vollziehen, dass nicht schon von vornherein den Sieg des eigenen Erkenntnismusters impliziert. Geltungsansprüche werden zwar zur Kenntnis genommen, aber zugleich eingeschränkt, weil man eben zuerst kennen lernen will." Lehmann formulierte am Ende des Referates in Stichworten einige Kriterien für den interreligiösen Dialog.

Es wäre „ein Irrweg, wenn man den Dialog der Religionen nur auf Fragen theoretisch-theologischer Art begrenzen würde", sagte Lehmann. „Religiöse Überzeugungen, so wurde schon festgestellt, sind im Blick auf den Menschen ganzheitlich und enthalten auch personale, ethische, affektive und willentliche Momente. Wenn man dies im Dialog nicht genügend beachtet, dann kommt man leicht zu einem abstrakten oder gar papierenen Konsens." So stelle sich oft die Frage, ob von einem interreligiösen Dialog nicht zu viel erwartet werde. „Das Modell eines theoretischen Konsenses ist jedenfalls allein nicht angemessen, so sehr das geistige Element Gewicht behält." Für den interreligiösen Dialog könne selbst das Scheitern von Konsensbemühungen „produktiv und fruchtbar" werden, betonte Lehmann.

Es sei Aufgabe der Religionen, „ein verbindendes Ethos zu fördern, das schwierige Konflikte meidet, sie mindestens mindert oder sogar lösen hilft und Solidarität unter den Menschen schafft", sagte der Kardinal. Er sprach sich dafür aus, dem Zusammenhang zwischen Religion und globaler Entwicklung mehr Aufmerksamkeit zu widmen. Es wäre jedoch „eine Verkürzung, die freilich nicht so selten ist, wenn man einen Dialog unter den Religionen so konzipiert, dass er die religiöse Frage ausklammert und nur politisch und sozial relevante, nur ethisch orientierte Themen in Angriff nimmt".

Lehmann plädierte für ein „echtes Verstehen" im interreligiösen Dialog, der auch Risiken berge: „Auf der einen Seite können Unterschiede geringer eingeschätzt oder gar übergangen werden. Es entsteht ein falscher Schein von Gemeinsamkeit, der - wird er entlarvt - zu großen Enttäuschungen führt. Manchmal hingegen werden eine Gemeinsamkeit oder eine radikale Differenz hervor gehoben, weil man aus ideologischem Interesse bestimmte Ziele erreichen möchte. Echtes Verstehen muss aber diese Wagnisse nüchtern sehen, in Kauf nehmen und sich dennoch gegen sie schützen. Insofern gibt es ein ‚Lob der Differenz', wenn man die Auffassungs unterschiede wirklich aushält, ohne sie gleich negativ zu beurteilen."

Zu Beginn seines Vortrages hatte er auf die notwendigen Grundlagen des Verständigungsprozesses hingewiesen. Wörtlich sagte er: „In der Tat setzt, wie die Auseinandersetzung um Migration, Integration und den Kampf der Kulturen zeigt, jedes Verstehen eine gewisse Anerkennung des Fremden in seiner Andersheit voraus. Ohne eine Kraft der empathischen Annäherung und eines sensiblen Verstehenwollens gibt es jedoch nach alter Überzeugung keine Erkenntnis. Gerade im Verständnis personaler und religiöser Phänomene bedarf es eines Minimums an Sympathie, ja sogar Zuneigung, um wirklich von innen her die eigene, einem anderen gehörige Wahrheit verstehend zu erschließen. Dies verlangt eine regelrechte Kunst des Verstehens, indem man das Fremde eindringend-eindringlich belagert und es zugleich, wenn es verstanden wird, als eine Gabe begreift. Nur dann ist eine angemessene Begegnung, aber auch eine differenzierte Auseinandersetzung möglich." Darüber hinaus sei die Religionswissenschaft „unersetzlich zum Verstehen fremder Religionen und auch der eigenen Glaubensüberzeugungen".

 

Dank und Anerkennung der Universität

 

Nach dem Kolloquium, das vom Vorsitzenden der Stiftungsprofessur, Professor Dr. Andreas Cesana, moderiert wurde, dankte der Präsident der Johannes Gutenberg-Universität, Professor Dr. Georg Krausch, dem Kardinal für Übernahme und Durchführung der Stiftungsprofessur. Er habe die Stiftungsprofessur, „die ein Höhepunkt des akademischen Lebens unserer Universität war", als „große persönliche Bereicherung" erfahren, sagte Krausch. Der Universitätspräsident überreichte dem Kardinal als Dank und Anerkennung eine Urkunde und eine Medaille der Universität. Als persönliches Geschenk erhielt Lehmann außerdem das Buch „Im Anfang war das Wort. Glanz und Pracht illuminierter Bibeln" von Professor Stephan Füssel, Direktor des Instituts für Buchwissenschaft der Mainzer Universität.

 

Veröffentlichung der Vorlesungsreihe im Herbst

 

Bei einer Pressekonferenz kurz vor der Abschlussvorlesung hatte der Kardinal angekündigt, dass die elf Referate der diesjährigen Stiftungsprofessur bereits im Herbst als Buch erscheinen sollen. Der Band mit rund 280 Seiten solle pünktlich zur Frankfurter Buchmesse im Verlag der Weltreligionen erscheinen, sagte Lehmann. Die gebundene Ausgabe werde etwa 15 Euro kosten.

Hinweis: Weitere Informationen im Internet unter www.stiftung-jgsp.uni-mainz.de


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