Muslime in Deutschland: Teil I: Von der Wahrnehmung zur Begegnung

Christen und Muslime in unserer Gesellschaft: Islamische Präsenz – eine Herausforderung für die Kirche
Die christlich-islamische Begegnung
(258) Das unmittelbare Neben- und Miteinander von Muslimen und Christen in Deutschland hat entgegengesetzte Reaktionen provoziert. Teils empfinden sich die Mitglieder der Religionsgemeinschaften als Konkurrenten, teils sehen sie sich gegen den vermeintlichen gemeinsamen Widersacher, den Agnostizismus oder faktischen Atheismus der Gesellschaft, als Verbündete. Demgegenüber geht es dem interreligiösen Dialog um die Suche nach immer tieferer Erkenntnis Gottes und die immer bessere Verwirklichung seines Auftrags im Respekt vor der Unterschiedlichkeit.
Die christlich-islamische Begegnung in der Vergangenheit
(259) Die Kirche hat eine 1.400-jährige wechselvolle Erfahrung in der Begegnung mit den Muslimen. Es gab Zeiten gegenseitiger Wertschätzung zwischen Christen und Muslimen und auch Zeiten der Polemik und des Krieges.
(260) Die erste Epoche theologischer Auseinandersetzung mit dem Islam stand im Zeichen des Schocks der rapiden Ausdehnung des arabisch-islamischen Reiches über große, bislang christlich geprägte und von Christen beherrschte Territorien. Innerhalb des arabisch-islamischen Reiches der ersten Jahrhunderte waren es Theologen wie Johannes von Damaskus (655–749), die diese Auseinandersetzungen führten. Das Interesse der Theologen der lateinischen Kirche am Islam stand einerseits im Zusammenhang mit den intensivierten Kontakten mit Muslimen, die die christliche Rückeroberung Spaniens und die Kreuzzüge mit sich brachten. Die erste Übersetzung des Korans in die lateinische Sprache, angeregt im 12. Jahrhundert durch Petrus Venerabilis, Abt von Cluny, stand in diesem Kontext. Andererseits ergab es sich aus dem Verkündigungsauftrag gegenüber Juden und Muslimen, wie ihn die neugegründeten Predigerorden verstanden.
(261) Seit dem Spätmittelalter und der Zeit der Renaissance entwickelte sich aus der theologischen Auseinandersetzung eine sprach- und religions-wissenschaftliche. Die Gelehrten, z. B. Nikolaus von Kues (1401–1464), waren bestrebt, auf der Grundlage des Studiums des Korantextes eine weniger polemische Darstellung des Islam zu geben. Mit der allmählichen Loslösung der Islamstudien von der christlichen Theologie im Zeitalter der Aufklärung entwickelte sich im 19. Jahrhundert die moderne Islamwissenschaft.
(262) Eine besondere Rolle in der Reihe derjenigen Islamwissenschaftler, die sich als Christen verstanden, spielte der Franzose Louis Massignon (1883–1962). Durch seine Kontakte mit den Muslimen und durch das Studium des Lebens und der Mystik al-Halladsch’s (858–922) hatte er 1908 wieder zum christlichen Glauben zurückgefunden. Als Professor prägte er eine ganze Generation von christlichen Denkern und Islamwissenschaftlern. Zu ihnen gehörten Jacques Maritain, Georges L. Anawati (1905–1994) und Louis Gardet (1904–1986), die auf die Neubestimmung des Verhältnisses der katholischen Kirche zum Islam durch das II. Vatikanischen Konzil großen Einfluss ausgeübt haben.
(263) Im Hinblick auf das Verhältnis zwischen Christentum und Islam bedeutet das Zweite Vatikanische Konzil eine Wende, die häufig mit den Worten Louis Massignons als „Kopernikanische Revolution in den christlich-islamischen Beziehungen“ bezeichnet wird. Grundlegend in diesem Sinne sind insbesondere zwei Aussagen der Konzilstexte. So heißt es in Lumen Gentium: „Der Heilswille umfasst aber auch die, welche den Schöpfer anerkennen, unter ihnen besonders die Muslime, die sich zum Glauben Abrahams bekennen und mit uns den einen Gott anbeten, den barmherzigen, der die Menschen am Jüngsten Tag richten wird.“[1] Die zweite Passage findet sich in Nostra Aetate: „Mit Hochachtung betrachtet die Kirche auch die Muslime, die den alleinigen Gott anbeten, den lebendigen und in sich seienden, barmherzigen und allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde, der zu den Menschen gesprochen hat.“[2]
(264) Ein erster Beweggrund für den Dialog zwischen Christen und Muslimen ist die Notwendigkeit, zu einer friedlichen und gerechten Gestaltung der internationalen Beziehungen und des Zusammenlebens in pluralen Gesellschaften zu gelangen. Angesichts globaler Probleme,
die von der Bekämpfung des Hungers bis zur Bewahrung der Schöpfung reichen und nur gemeinsam gelöst werden können, stehen Christen wie Muslime in gemeinsamer Verantwortung vor Gott. Um ihr gerecht werden zu können, müssen sie sich im Gespräch miteinander über die beiderseitigen Grundlagen ihres Handelns klar werden. Zudem wissen sich sowohl Christen als auch Muslime in einer Welt, die durch eine zunehmende Marginalisierung von Religion geprägt ist, dazu berufen, Gott als Schöpfer und Richter zu bezeugen. Dies können sie umso glaubwürdiger tun, je mehr sie sich ungeachtet der zwischen ihrem jeweiligen Glauben bestehenden Differenzen bemühen, sich gemeinsam auf die Suche nach der je größeren Wahrheit zu machen. Papst Johannes Paul II. hat dies bei seinem Besuch in der Umayyadenmoschee in Damaskus am 6.5.2001 wie folgt zum Ausdruck gebracht: „Ein besseres gegenseitiges Verständnis wird auf praktischer Ebene gewiss dazu führen, unsere beiden Religionen auf neue Art und Weise darzustellen: Nicht als Gegner, wie es in der Vergangenheit allzu oft geschehen ist, sondern als Partner für das Wohl der Menschheitsfamilie.“
(265) Zur Notwendigkeit und Legitimität des interreligiösen Dialoges, der nicht aus Taktik oder Eigeninteresse geführt wird, sondern seinen eigenen Stellenwert hat, schrieb der Papst 1991 in Redemptoris Missio: „Er (der Dialog) kommt aus dem tiefen Respekt vor allem, was der Geist, der weht wo er will, im Menschen bewirkt hat.“[3]
(266) Die Texte des Päpstlichen Rates für den interreligiösen Dialog nennen vier verschiedene Ebenen der Begegnung zwischen Muslimen und Christen: Den Dialog des Lebens, den Dialog des Handelns, den Dialog des theologischen Austausches und den Dialog der Glaubenserfahrung. In der pastoralen Situation Deutschlands sind der Dialog des Lebens, der Dialog der Experten und die Gesprächskontakte pastoral-professioneller Art von besonderer Bedeutung.
(267) Jeder, der mit Gläubigen einer anderen Religion zusammenlebt, kann den Dialog des Lebens praktizieren. In der Familie, in der Schule, im gesellschaftlichen Leben, im kulturellen Bereich, bei lokalen Veranstaltungen, am Arbeitsplatz, in Politik, Wirtschaft und Handel kommen die Werte und Traditionen des Glaubens quasi von selbst miteinander in Beziehung. Schon die Einladung von Nachbarn oder Arbeitskollegen zu einer Geburtstagsfeier ist auf zwischenmenschlicher Ebene Ausdruck von Wertschätzung und Achtung; die Kenntnis der islamischen Feste und ihrer Datierung im jeweiligen Jahr bietet die Möglichkeit zu persönlichen Glückwünschen, vielleicht auch zur Teilnahme an der Festfeier. Ein besonders wichtiges Feld für den Dialog des Alltags ist die Erziehung in Kindergärten und Schulen. Hier kann durch das verstehende Erschließen der jeweils anderen Lebenswelt und durch die Einübung in Solidarität und Respekt ein wichtiges Fundament gelegt werden. Kinder und Jugendliche sollen das nötige gegenseitige Vertrauen erwerben, bewusst ihren Glauben zu bekennen, miteinander darüber zu sprechen und später gemeinsam für Frieden, Freiheit und Gerechtigkeit in unserer Gesellschaft einzutreten.
(268) Für die Fortsetzung des „Lebensdialogs“ reicht die Begegnung von Einzelnen nicht aus. Im Vordergrund steht die praktische Zusammenarbeit. Christen und Muslime müssen sich gemeinsam für Gerechtigkeit und Freiheit, für Menschenrechte in all ihren Formen einsetzen. Gruppen, Gemeinden und Institutionen sollten die Kontakte tragen. Deshalb sind Begegnung und Dialog zwischen Christen und Muslimen wichtige Aspekte im Bildungsbereich, in der Jugend- und der Erwachsenenarbeit unserer Gemeinden. Sie vermitteln ein breites interreligiöses Allgemeinwissen.
(269) Auch in der diakonischen und karitativen Arbeit der Kirche geht es einerseits um die helfende, beratende und beistehende Begegnung zwischen Einzelnen, andererseits aber um kontinuierliche und institutionelle Hilfe und Begleitung. „Der interreligiöse Dialog wird zu vielerlei Formen der Zusammenarbeit führen, besonders in der Erfüllung unserer Pflicht, sich um die Armen und Schwachen zu kümmern. Das sind Zeichen dafür, dass unsere Gottesverehrung echt ist“ (Papst Johannes Paul II. in Damaskus).
(270) Wenn vom Dialog des theologischen Austausches die Rede ist, geht es um Fragen des Glaubens und der Glaubenslehre. Dabei ist jeder bestrebt, die Religion des anderen von innen her verstehen und schätzen zu lernen. Man versucht, das Gemeinsame und das Unterscheidende der jeweiligen Glaubensüberzeugungen in den Blick zu nehmen. Es handelt dabei nicht nur um Gespräche von Theologen, die sich im interreligiösen Gespräch engagieren, sondern auch von Fachleuten, die in einem Spezialgebiet bewandert sind und sich über die Grenzen der Religionsgemeinschaften hinaus darüber austauschen. Im Bereich der interkulturellen und interreligiösen Erziehung analysieren Religionspädagogen z. B. die gegenseitigen Darstellungen in Unterrichtsmaterialien oder erarbeiten Modelle zur Qualifizierung der Religionslehrer. In den Arbeitsfeldern der Pflegeberufe erfolgt eine rege Vermittlung der Kenntnis von kultur- und religionsbedingten Faktoren. Gleiches gilt für die sozialpädagogischen Tätigkeitsbereiche.
(271) Es wäre wünschenswert, dass gerade in den drängenden ethischen Fragestellungen christliche und muslimische Experten häufigeren Austausch pflegten, als dies bislang geschieht. Im Auftrag der Deutschen Bischofskonferenz begann dieser Dialog der Experten, als sich muslimische und christliche Philosophen und Juristen mit der Position ihrer jeweiligen Religionsgemeinschaft gegenüber den Menschenrechten befassten.
(272) Von besonderer Bedeutung ist der Dialog christlicher und islamischer Fachleute, die tief in ihrer eigenen religiösen Tradition verwurzelt sind, auf dem Gebiet der Spiritualität. Sie lassen einander an ihren Erfahrungen in Meditation, Gebet und Kontemplation teilhaben, sprechen über ihren Glauben und seine Ausdrucksformen, über ihre Suche nach dem Absoluten oder ihre mystischen Erfahrungen. Dieser Dialog kann dazu beitragen, das je eigene religiöse Erbe besser zu durchdringen, das Verständnis der Spiritualität des andern zu vertiefen und die Erfahrungen beider Partner im Leben angesichts der Wirklichkeit Gottes auszutauschen.
(273) Unter pastoral-professionellen Kontakten verstehen wir Situationen, in denen Mitarbeiter in der Pastoral (Seelsorger, Erzieherinnen und Religionslehrer) in Ausübung ihres Berufes um Tätigwerden in Belangen angefragt werden, die Christen und Muslime gemeinsam oder allein Muslime betreffen. Dies ist insbesondere der Fall in der Vorbereitung und Begleitung religionsverschiedener Ehen, bei der Begleitung Trauernder, bei Taufbegehren von Muslimen, bei der Betreuung muslimischer Kinder in katholischern Kindertageseinrichtungen und Schulen und schließlich bei Fragen, die sich im Zusammenhang mit der Kategorialseelsorge stellen.[4]
[1] Vaticanum II, Nostra Aetate, Nr. 3.
[2] Redemptoris Missio, Nr. 56.
[3] Einzelfragen.
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Entnommen aus der Arbeitshilfe des Sekretariats der Deutschen Bischofskonferenz "Christen und Muslime in Deutschland" vom 23. September 2003.
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