Muslime in Deutschland: Teil I: Von der Wahrnehmung zur Begegnung

Christen und Muslime in unserer Gesellschaft: Islamische Religionsausübung in Deutschland
Die Bedeutung der Moschee für islamisches Leben
(224) Auch in Deutschland stellt die Moschee das wohl markanteste Element islamischer Religionsausübung dar. Im Rahmen von Bemühungen um besseres gegenseitiges Verständnis wächst die Bereitschaft von Christen zum Besuch von Moscheen. Viele Moscheevereine laden seit einigen Jahren am 3. Oktober zum „Tag der offenen Moschee“ ein. Es ist daher für Christen hilfreich, sich der zentralen Bedeutung der Moschee für islamisches Leben bewusst zu werden.
(225) Äußeres Kennzeichen des rituellen Gebets ist die „Niederwerfung“. Das arabische Wort masdschid (türkisiert: mescit) bezeichnet den Ort, an dem sie vollzogen wird. Primäre Funktion der Moschee ist es also, Ort des rituellen Gebets zu sein. Dies kann im Freien oder in einer Fabrik ebenso der Fall sein wie in einem speziell errichteten Gebäude, so lange nur der Boden sauber ist und die Vorrichtungen für die rituelle Waschung vorhanden sind. Ferner bedarf es lediglich noch der Gebetsnische (mihrab), die die Richtung nach Mekka anzeigt.
(226) Das rituelle Gebet ist Männern und Frauen fünf Mal am Tag vorgeschrieben. Nur am Freitag um die Mittagszeit ist der männliche Muslim verpflichtet, dafür eine Moschee aufzusuchen. Frauen hatten und haben in ihr keinen gleichwertigen Platz. Für das Gebet stehen ihnen heutzutage die hinteren Reihen zur Verfügung, in Deutschland nicht selten eigene Räume, wo sie mit Videogeräten den Vorbeter sehen können.
(227) Der Freitag ist in der islamischen Welt der Tag, an dem die Männer sich versammeln und in Gemeinschaft beten sollen. Von dem arabischen Wort dschuma, „Versammlung“, leiten sich sowohl der Tag als auch der Ort ab, an dem man sich versammelt. Im Unterschied zur einfachen Moschee bezeichnet das arabische Wort dschami (türkisch camii), das zu Deutsch „versammelnd“ bedeutet, den Ort, der am Freitag die Muslime versammelt, die Freitagsmoschee. Damit ergibt sich als zweite Funktion der Moschee eine soziale. Sie konstituiert und versinnbildlicht zugleich die Einheit der islamischen Gemeinschaft. Freitagsmoscheen waren in der islamischen Geschichte lange den politisch zentralen Orten vorbehalten.
(228) Die Verpflichtung des männlichen Muslims auf den „Tag der Versammlung“ umfasst die Teilnahme an der Ansprache, die dem Gebet vorangeht, die Predigt. Sowohl Muhammad als auch die Kalifen und Provinzstatthalter brachten dabei auch aktuelle politische Probleme zur Sprache. Eine dritte traditionelle Funktion der Moschee ist also politischer Natur. Auch noch islamische Staatsoberhäupter der jüngeren Geschichte haben diese Funktion gelegentlich genutzt. Insbesondere in der iranischen Revolution wurde die politische Instrumentalisierbarkeit der Freitagspredigten wieder augenfällig. Auch in der Diaspora können Moscheen Orte der politischen Meinungsbildung darstellen.
(229) Grundsätzlich kann jeder Gläubige, der über die nötigen Kenntnisse verfügt, die Funktion des Vorbeters in einer Moschee (Imam) ausüben. In der Regel weisen sich hauptberufliche Imame gegenüber den anderen Gläubigen durch eine tiefere Kenntnis des Korans und der islamischen Überlieferung aus. Handelt es sich um eine größere Moschee, hat er meist entsprechende Studien absolviert und kümmert sich um die religiöse Erziehung und Weiterbildung. So dient die Moschee auch als Ort der Lehre und als Ort, an dem Gläubige Ratschläge und Weisungen zur Lebensgestaltung anhand der islamischen Normen einholen können. An den bedeutendsten Moscheen der islamischen Welt haben sich die traditionell hochangesehenen Zentren islamischer Gelehrsamkeit entwickelt. In Deutschland haben sich solche moscheegebundenen theologischen Zentren nicht entwickelt. Die hierzulande tätigen Imame haben ihre Ausbildung in den islamischen Herkunftsländern erhalten. Die derzeit rund 600 vom Präsidium für Religiöse Angelegenheiten in Ankara entsandten DITIB-Imane haben zu Hause meist eine staatliche imam-hatip-Schule („Vorbeter-Prediger“-Schule) besucht und manchmal auch eine Ausbildung an einer staatlichen theologischen Fakultät durchlaufen. In der Regel werden sie nach drei bis fünf Jahren wieder ausgetauscht.
(230) Für viele Muslime in Deutschland repräsentiert die Moschee auch einen Teil ihrer Heimat, eine Enklave, in der die Muttersprache praktiziert werden kann und Landsleute dieselben Fragen diskutieren. Den Moscheeräumen ist zumeist eine Cafeteria angegliedert, wo auch Besucher empfangen werden können. Oft gehören noch ein Lebensmittelgeschäft und eine Metzgerei dazu, die nicht nur dem Bedürfnis nach heimatlicher und rituell reiner Ernährung entgegenkommen, sondern auch eine Einnahmequelle für den Moscheeverein darstellen. Das Büro des Imams und natürlich eine Bibliothek bzw. eine Buchhandlung dürfen in den Gebäuden einer Buchreligion nicht fehlen. Die Räumlichkeiten für den Koranunterricht der Kinder und die Schulung der Erwachsenen fallen je nach den finanziellen Möglichkeiten des Trägervereins in Größe und Einrichtung unterschiedlich aus.
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Entnommen aus der Arbeitshilfe des Sekretariats der Deutschen Bischofskonferenz "Christen und Muslime in Deutschland" vom 23. September 2003.
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