Muslime in Deutschland: Teil I: Von der Wahrnehmung zur Begegnung

Glauben und Handeln – was verbindet, was unterscheidet Muslime und Christen? Unterschiede in den Gemeinsamkeiten des islamischen und christlichen Glaubens
Gottes Offenbarung
(209) Der strenge Monotheismus, wie der Islam ihn versteht, hat zur Folge, dass aus muslimischer Sicht zentrale christliche Glaubensüberzeugungen unannehmbar sind. Die absolute Transzendenz und Einzigartigkeit Gottes machen es dem Muslim unmöglich, anzunehmen, dass dieser eine Gott in seiner Transzendenz auch in sich personale Beziehung und Liebe ist. Nach Muhammad gehört die christliche Lehre von der Dreifaltigkeit in die Nähe einer Dreigötterlehre. Der eine Gott kann sich in seiner Einzigartigkeit nicht selbst in seinem Sohn, Jesus Christus, mitteilen. Ein Gott, der aus seiner absoluten Transzendenz heraus dem Menschen Mitteilungen machen will, braucht daher nach islamischer Lehre Vermittler: die Engel. In der Beschreibung der zentralen Heilsgeschehnisse wird dies deutlich. Muhammad empfängt durch die Vermittlung des Engels Gabriel das Wort Gottes, den Koran. Im Neuen Testament kündigt der Engel Gabriel „nur“ das an, was Gott selbst bewirken wird: die Menschwerdung seines ewigen Wortes in Jesus Christus.
(210) Damit ist die Mitte des Glaubens für Christen und Muslime je anders akzentuiert. Die Muslime glauben, dass sie durch den Gehorsam gegenüber dem Koran als dem Wort Gottes das Heil erlangen. Die Christen glauben und leben aus der Überzeugung, dass das Wort Gottes in Jesus einmalig und unüberbietbar sichtbar, „Fleisch“ geworden ist (vgl. Joh 1,1 ff.), dass das Heil von Gott in einer menschlichen Person, Jesus Christus, dem Gekreuzigten und Auferstandenen verwirklicht und angeboten ist.
(211) Gott bleibt der absolut Transzendente, der sich selbst nicht in die menschliche Wirklichkeit mit ihren Schattenseiten hineinbegibt, zu denen eben auch die Sünde gehört. Dagegen lässt sich der Gott der Bibel von den menschlichen Um- und Irrwegen, menschlichem Leid, Versagen und Sünde betreffen und macht sich in seiner Liebe verwundbar.
(212) Wenn der Islam Muhammad als „Siegel der Propheten“ bezeichnet, stellt er ihn über Jesus, trotz aller Hochachtung, die der Koran für Jesus hat. Muhammad ist zwar im Sinne des Islam Verkünder göttlicher Offenbarung, aber er ist nicht in seiner Person die Offenbarung Gottes selbst, wie Christen Jesus verstehen. Auch vermittelt sich das Heil von Gott nicht in der Person des Muhammad.
(213) Der Islam ist – im Unterschied zum Christentum – eine Buchreligion. Die göttliche Offenbarung besteht im Islam im geschriebenen Wort des Koran. Da der Koran-Text ganz und gar als unmittelbares Wort Gottes angesehen wird, gilt er in besonderem Maße als heilig und unantastbar. Von daher verbietet sich für die meisten gläubigen Muslime bis heute die Anwendung der modernen, historisch-kritischen Methoden gegenüber diesem Text, wie sie in der christlichen Exegese und allgemein in der Religionswissenschaft anderen heiligen Schriften gegenüber geläufig ist. Nur eine kleine Minderheit muslimischer Denker vertritt neuerdings – ohne Leugnung der Autorschaft Gottes am gesamten Wortlaut des Koran – die Auffassung, dass dessen Aussagen in bestimmten Zügen von Seiten Gottes an die Situation zu Lebzeiten des Propheten angepasst waren und insofern heutzutage nicht mehr in jeder Hinsicht wörtliche Verbindlichkeit beanspruchen können.
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Entnommen aus der Arbeitshilfe des Sekretariats der Deutschen Bischofskonferenz "Christen und Muslime in Deutschland" vom 23. September 2003.
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