Muslime in Deutschland: Teil I: Von der Wahrnehmung zur Begegnung

Glauben und Handeln – was verbindet, was unterscheidet Muslime und Christen? Islam als Glaube und Lebensordnung
Verpflichtung zum dschihad?
(142) Der dschihad stellt einen im Koran und im Leben des Propheten unübersehbaren Auftrag dar. Gleichwohl bildet er, abgesehen von den Schi’iten und von einigen islamistischen Bewegungen, keine „sechste Säule des Islam“. Nach dem klaren Schriftbefund im Koran heißt dschihad an mehr als 80 % der Fundstellen „einen Krieg um des Glaubens willen führen“. Darüber hinaus rufen die Verse 5 und 29 der neunten Sure, die als zeitlich letzte und damit alle anderen interpretierende Sure gilt, dazu auf, die Ungläubigen aktiv zu bekämpfen und, falls sie sich nicht ergeben und Muslime werden, zu töten. Die Vorstellung, dass die im Glaubenskrieg Gefallenen – nach islamischer Terminologie Märtyrer – unmittelbar ins Paradies eingehen, ist schon im Koran enthalten (Sure 3, 169; 2, 14; 22, 58).
(143) Die frühe islamische Rechtsgelehrsamkeit entwickelte eine allgemeine Theorie des dschihad deren Grundzüge sich folgendermaßen skizzieren lassen: Die Welt zerfällt in zwei einander feindliche Teile, nämlich einerseits das „Haus des Islam“, d. h. das bereits muslimisch regierte Territorium, in dem die Scharia geltendes Recht ist, und andererseits „das Haus des Krieges“, d. h. das noch von Ungläubigen beherrschte Territorium, das prinzipiell so lange zum Gegenstand von Eroberungsfeldzügen gemacht werden muss, bis die Muslime auch dort die Scharia durchsetzen können. Wenn Ungläubige islamisches Territorium angreifen, wenn sie Muslime bei der Ausübung ihrer kultischen Pflichten beeinträchtigen oder die islamische Glaubenspropaganda behindern, muss der Dschihad aufgenommen werden. In diesen Fällen gilt er als reiner Verteidigungskrieg. Aber auch ohne vorangegangenen Angriff von Seiten der Ungläubigen ist nach vormodernem islamischen Staatsverständnis der Dschihad gegen die Ungläubigen obligatorisch, und zwar bis zur Unterwerfung der ganzen Welt unter islamische Herrschaft, bzw. bis zum Jüngsten Tag. Diesen expansionistischen Dschihad zu führen ist keine individuelle Pflicht eines jeden Muslim. Es genügt, wenn die Staatsführung dafür Sorge trägt, dass er weitergeht.
(144) In der historischen Wirklichkeit wurde der Grundsatz, dass der Angriffskrieg gegen die Nichtmuslime permanent geboten ist, keineswegs ständig in die Praxis umgesetzt. Es gab vielmehr mitunter lange Phasen friedlicher Koexistenz mit regem wirtschaftlichem und kulturellem Austausch zwischen muslimischen und nichtmuslimisch regierten Staaten.
(145) Für diejenigen Staaten, mit denen die Muslime vertraglich geregelte Beziehungen unterhielten, kannte die islamische Rechtstradition die Sammelbezeichnung dar al-ahd (Haus des Vertrages). Allerdings wurden derartige Vertragsverhältnisse in der Theorie älterer Zeiten grundsätzlich als provisorischer Zustand betrachtet, der letztlich durch Ausbreitung der islamischen Herrschaft über die ganze Welt überwunden werden musste. In der Gegenwart tendieren viele Muslime dahin, die Möglichkeit solcher Vertragsverhältnisse auf die heutige Zeit zu beziehen und in der Weise zu verallgemeinern, dass sie auch ein Dauerzustand sein können.
(146) Heute wird der Islam von den Muslimen weitgehend als von Hause aus friedfertige Religion dargestellt. Als Beleg für die Richtigkeit dieser Einschätzung verweisen die Muslime darauf, dass der Kampf gegen die Ungläubigen als der „kleinere“ Dschihad bezeichnet worden sei, der Kampf jedes Gläubigen gegen die niedrigen Regungen der eigenen Seele dagegen als der „größere“ Dschihad. Diese Ansicht stützt sich auf ein Hadith, das allerdings in die sechs gemeinhin als kanonisch bezeichneten Sammlungen der Sunniten, die als zuverlässig gelten, keinen Eingang gefunden hat.
(147) Doch selbst wenn dieses Hadith authentisch sein sollte, beweist weder sein eigener Text, noch seine spätere Bedeutung für die islamische Tradition, eine generelle Tendenz des Islam zur Ablehnung des bewaffneten Dschihad. Es behauptet genau besehen keineswegs, dass die letztere Form des Dschihad verwerflich oder überflüssig oder auch nur zu reduzieren sei. Auch die islamischen Mystiker, die dieses Hadith so sehr schätzten, haben deshalb nicht gefordert, man solle den Dschihad gegen die Ungläubigen unterlassen oder auf die defensive Form beschränken.
(148) Unabhängig davon ist es nur zu begrüßen, dass die meisten muslimischen Autoren der Gegenwart nur noch den defensiven Charakter des Dschihad für erlaubt erklären. Freilich bleibt das Problem dann, wie eigentlich der Verteidigungsfall genau definiert wird. Man trifft auf sehr weite Fassungen der legitimen Anlässe zur militärischen Verteidigung.
(149) Umgekehrt hat unter den extremen Islamisten die Idee eines offensiven Dschihad während der letzten 30 Jahre wieder an Virulenz gewonnen. Nach Sayyid Qutb (1906–1966) z. B., einem herausragenden islamistischen Ideologen, ist eine künftige Weltfriedensordnung nur dadurch zu erreichen, dass die Muslime zuerst einmal in einem groß angelegten Dschihad die ganze Welt erobern. Diesen Vorgang preist er als einen zum Wohl der ganzen Menschheit gebotenen revolutionären Befreiungsprozess.
(150) Die gegenwärtige Situation ist von gegenläufigen Tendenzen gekennzeichnet. Einerseits haben sich die Muslime von den vormodernen Vorstellungen des Dschihad weitgehend gelöst und betonen die allgemeine Friedfertigkeit des Islam. Andererseits wird das Etikett Dschihad für alle möglichen bewaffneten Aktivitäten verwendet, die sich aus dem traditionellen Dschihadkonzept so nicht rechtfertigen lassen. Es reicht jedoch auch nicht, wenn Muslime heute lediglich sagen, dass sie keinen Krieg aus Glaubensgründen führen wollen, weil ihrer Überzeugung nach der Islam eine friedfertige Religion ist. Sie müssen sich und anderen auch Rechenschaft darüber geben können, warum sie so denken, obwohl manche Koranverse eine andere Sprache sprechen. Andernfalls besteht das Risiko, dass sie die nicht aufgearbeitete Geschichte in kritischen Situationen immer wieder einholt, und zwar in der Form, dass jemand, dem sie gerade ins Konzept passt, für kriegerisches oder terroristisches Tun willkürlich religiöse Rechtfertigungen geltend macht, die bei ihm selbst die Schwelle zur Gewaltbereitschaft senken und ihm die Gewinnung von Sympathisanten erleichtern. Auch ein Teil der Christenheit hat sich im Verlauf der Neuzeit vom Denken in Kategorien des Religionskrieges erst in mühevoller rationaler Kritik trennen müssen. Es gibt keinen Grund zur Annahme, dass es den zeitgenössischen Muslimen nicht ebenfalls möglich sein sollte, sich mit dem problematischen Erbe des Dschihadgedankens kritisch auseinanderzusetzen.
(151) Heute gibt es muslimische Gruppen, die politische Ziele tatsächlich mit gewaltsamen Mitteln anstreben, sich selbst dabei aber nicht primär als Politiker, Krieger oder Terroristen ansehen, sondern als konsequente Muslime, ja als die einzig Rechtgläubigen einschätzen und gebärden. Solche Gruppen entwickeln manchmal eine ausgesprochen sektiererische Mentalität. Dazu kommt ein gewisser Fanatismus, der bis zur Selbstaufopferung für die Ziele der Gruppe gehen kann.
(152) Freilich geht der Hass von Angehörigen solcher Gruppen wohl mindestens ebenso sehr auf politische und soziale Ursachen zurück wie auf religiöse. Tatsächlich herrschen in zahlreichen islamischen Ländern Massenarmut und andere gravierende soziale Missstände, verursacht durch den repressiven Regierungsstil, die Misswirtschaft und die Korruptheit örtlicher politischer Führungen, aber auch durch bis heute spürbare Folgewirkungen europäischer Kolonialherrschaft, durch eine die westlichen Industrienationen begünstigende Weltwirtschaftsordnung und durch ein Bevölkerungswachstum, mit dem die Entwicklung neuer ökonomischer Ressourcen nicht Schritt halten kann.
(153) Zweierlei muss geschehen: Erstens, als Symptombekämpfung, Bestrafung der an terroristischen Gewalttaten wirklich Schuldigen, nicht aller anderen. Zweitens, um das Übel an der Wurzel anzupacken, die Beendigung der politischen Doppelzüngigkeit westlicher Regierender, die von Demokratie und Menschenrechten reden, aber in islamischen Ländern auch undemokratische Machthaber unterstützen und sie sogar einsetzen. Das heißt: weniger Politik des doppelten Maßes und mehr Politik echter Gerechtigkeit von Seiten jener, die aus ihren eigenen Interessen heraus – Stichwort Erdöl bzw. Erdgas – auf die heute großenteils zutiefst desorientierten Regierungen und Bevölkerungen islamischer Länder einwirken.
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Entnommen aus der Arbeitshilfe des Sekretariats der Deutschen Bischofskonferenz "Christen und Muslime in Deutschland" vom 23. September 2003.
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