Christen und Muslime in Deutschland: Teil I: Von der Wahrnehmung zur Begegnung

Den Islam in Deutschland wahrnehmen: Die wichtigsten islamischen Organisationen
Der Islamrat für die Bundesrepublik Deutschland / Islamischer Weltkongress und der Zentralrat der Muslime in Deutschland
(78) Bis heute fehlt, wie schon 1978 der spätere Gründer und erste Vorsitzende des Islamrats beklagte, „die Unterordnung der bestehenden Verbände unter das Prinzip des Islam, (…) eine übernationale, alle Riten und Richtungen umfassende und in sich einschließende islamische Kultusgemeinde mit berufenen, demokratisch gewählten Gremien und Sprechern“.[1]
(79) Den Anspruch, dieses Defizit zu beheben und die Muslime in Deutschland zu vertreten, erheben heute der 1986 gegründete Islamrat für die Bundesrepublik Deutschland/Islamischer Weltkongress (künftig: Islamrat) und der Ende 1994 gegründete Zentralrat der Muslime in Deutschland (künftig: Zentralrat). Beide Dachverbände können diesen Anspruch schon deshalb nicht durchsetzen, weil ihnen mit DITIB die größte der islamischen Organisationen in Deutschland nicht angehört.
(80) Hinzu kommt, dass ihre Organisationsstrukturen alles andere als gefestigt sind. So hat z. B. der VIKZ zu den Gründern sowohl des Islamrats als auch des Zentralrats gehört, beide Dachverbände aber wieder verlassen. Aus dem Zentralrat trat der VIKZ im Sommer 2000 überraschend aus, nachdem es in der Süleymanci-Bruderschaft in der Türkei zu einem Führungswechsel gekommen war.
(81) Dem Islamrat gehören unterschiedlichen eigenen Angaben zufolge zwischen 32 und 37 Verbänden an. Ein großer Teil von ihnen gehört zu einem Netzwerk von Strukturen, in dessen Zentrum nach Einschätzung von Fachleuten die IGMG steht. Bekannt geworden sind die Islamischen Föderationen, darunter die Islamische Föderation Berlin, die dort – als erste islamische Organisation in Deutschland – als Träger für islamischen Religionsunterricht an öffentlichen Schulen gemäß den in Berlin geltenden Sonderregelungen („Bremer Klausel“) anerkannt worden ist. Der Islamrat gilt als von der IGMG dominiert. Nach dem langjährigen Vorsitzenden Hasan Özdogan stellt die IGMG seit Januar 2002 mit Ali Kizilkaya erneut den Vorsitzenden. Nach der IGMG ist im Islamrat noch die türkische Sufiorganisation Islamische Gemeinschaft Jama’at un-Nur von vergleichsweise geringem, aber eigenem Gewicht.
(82) Der Islamrat stellt den strukturellen Rahmen, in dem – wie bereits erwähnt – das in der Türkei abgeschaffte Amt eines Seyh ül-Islam in Deutschland eingerichtet wurde. Die Wiederbelebung dieses Amtes muss einerseits vor dem Hintergrund der innertürkischen Debatte um die säkulare Staatsordnung und einer in der Türkei verbreiteten Osmanennostalgie gesehen werden. Sie entspringt aber auch dem Bemühen, eine nach dem deutschen Staatskirchenrecht für eine Religionsgemeinschaft geforderte religiöse Autorität zu etablieren. Zu den in der Satzung des Islamrats niedergelegten religionspolitischen Zielen gehören die Anerkennung als Körperschaft des öffentlichen Rechts (vgl. Teil II, Stichwort Rechtsstatus islamischer Organisationen) und die Einführung von islamischem Religionsunterricht in deutscher Sprache (vgl. Teil II, Stichwort Religionsunterricht für Muslime an öffentlichen Schulen). Nicht zuletzt am Engagement Özdogans für die libysche World Islamic Call Society, deren deutsche Sektion er bereits 1989 gegründet hatte, und an seiner Mitgliedschaft in dem auf Initiative Qaddafis gegründeten World Islamic Peoples Leadership [2] entzündete sich innerhalb des Islamrats eine Führungskrise, in deren Folge er in den vergangenen beiden Jahren einen Teil seiner öffentlichen Reputation und Wirksamkeit eingebüßt hat.
(83) Der Zentralrat ging Ende 1994 aus dem Islamischen Arbeitskreis in Deutschland hervor. Er hat sich um die zunächst von allen Organisationen gemeinsam vertretenen Anliegen des Schlachtens gemäß den Vorschriften der Scharia und des islamischen Religionsunterrichts gebildet. Heute gehören dem Zentralrat 19 Organisationen an. Eigenen Angaben zufolge zählen zu ihnen vier- bis fünfhundert Moscheegemeinden. Wie viele es tatsächlich sind, ist, wie das auch bei manchen anderen islamischen Organisationen der Fall ist, nicht bekannt.[3] Realistisch dürfte eine Zahl von bis zu 200 Moscheegemeinden sein.[4] Die Mitgliederzahl der dem Zentralrat angehörenden Vereine wird auf 10.000 bis 15.000 geschätzt.[5] Sicher ist, dass dem Zentralrat mit dem Austritt des VIKZ im Sommer 2000 sein mit Abstand größter Mitgliedsverband verloren gegangen ist.
(84) Seit dem Austritt des VIKZ ist die deutlich kleinere ATIB der größte Mitgliedsverband des Zentralrats. Einfluss auf seine konzeptionelle Ausrichtung wird der IGD mit ihren Zweigstellen, den Islamischen Zentren, und dem nicht der IGD angehörenden IZA zugeschrieben. Nicht zuletzt im Hinblick auf die Selbstdarstellung des Zentralrats, der auch ein umfangreiches deutschsprachiges Internetportal unterhält, sind aber auch die beiden Vereine deutscher Muslime von Bedeutung. Ferner ist hervorzuheben, dass das iranisch-schiitische Islamische Zentrum Hamburg und damit die wichtigste Institution des schiitischen Islam in Deutschland dem Zentralrat angehört.
(85) Vorsitzender des Zentralrats ist seit seiner Gründung der Mediziner Nadeem Elyas. Die deutschen Behörden betrachten ihn als Anhänger der arabischen Muslimbrüder.[6] Elyas hat dieser Einschätzung wiederholt widersprochen. Der 1962 in Mekka gegründeten Islamischen Weltliga ist er eng verbunden.[7] Diese ist weltweit die wichtigste nichtstaatliche islamische Organisation. Hauptanliegen gemäß ihrer Satzung ist die weltweite „Einladung zum Glauben“ (da’wa), d. h. die islamische Mission. Sie genießt zur Förderung ihrer Aktivitäten die Unterstützung der saudi-arabischen Regierung. Elyas ist gleichwohl ein in der deutschen Gesellschaft vielbeachteter Vertreter des Islam. Dazu hat beigetragen, dass er sich wiederholt zum Grundgesetz bekannt hat. 1998 hat er die Muslime deutscher Staatsangehörigkeit zur Beteiligung an den Bundestagswahlen aufgerufen. Auf dieser Linie liegt auch die vom Zentralrat am 20. Februar 2002 veröffentlichte „Islamische Charta“. Das dort dargelegte Bekenntnis zum Grundgesetz bleibt an das vorgeordnete islamische Recht gebunden. Das islamische Recht schreibt Muslimen im nichtislamischen Ausland – sofern sie dort Religionsfreiheit genießen – die Beachtung des „lokalen Rechts“ vor.
(86) Die anfängliche Rivalität zwischen Islamrat und Zentralrat ist einer themenbezogenen Zusammenarbeit gewichen. Beide Verbände unterhalten eine gemeinsame Kommission für islamischen Religionsunterricht („KIRU“) und seit Januar 2002 eine gemeinsame Kommission für islamisches Schlachten („KIS“). Zudem sind manche wichtige Vereine und Persönlichkeiten wie z. B. die Islamische Gemeinschaft in Deutschland und ihr Vorsitzender Ibrahim El-Zayat beiden Dachverbänden direkt oder indirekt eng verbunden.
[1] Vgl. Abdullah, Muhammad Salim: „Die Präsenz des Islams in der Bundesrepublik Deutschland“, in: CIBEDO - Dokumentation 1, Frankfurt 1978, S. 9.
[2] Vgl. Lemmen, Thomas: „Aktuelle Entwicklung innerhalb islamischer Organisationen in Deutschland“, in: André Stanisavljevic / Ralf Zwengel (Hrsg.): Religion und Gewalt. Der Islam nach dem 11. September, Potsdam 2002, S. 129-156.
[3] Ahmad v. Denffer, Herausgeber des offiziellen Publikationsorgans des Islamischen Zentrum München, hat dort eine Auseinandersetzung mit der Islamischen Charta veröffentlicht. Zu den im Zusammenhang mit der Charta veröffentlichten Zahlenangaben schreibt er, dass der Zentralrat für vermutlich „nicht einmal einhundert Moscheen“ sprechen könne, vgl.: AL-ISLAM. Zeitschrift von Muslimen in Deutschland, Nr. 2/2002. Diese Darstellung dürfte polemisch überzeichnet sein, und ihr wird von der Führung des Zentralrats widersprochen.
[4] Vgl. Lemmen, Thomas: Islamische Vereine und Verbände in Deutschland. Hg. von der Friedrich-Ebert-Stiftung, Bonn 2002, S. 90.
[5] Vgl.: www.im.nrw.de/sch/101.htm.
[6] Vgl. Innenministerium NRW: „Islamische Charta des Zentralrats der Muslime in Deutschland“, www.im.nrw.de/sch/101.htm. Dort heißt es: „Von den derzeit 19 Mitgliedsvereinen des ZMD sind mindestens neun der islamistischen ‚Muslimbruderschaft‘ (MB) zuzurechnen. Der Sprecher des ZMD ist Mitbegründer und langjähriger Funktionär des ‚Islamischen Zentrums Aachen‘, das von dem damaligen Führer der syrischen ‚Muslimbruderschaft‘ Prof. Issam El-Attar gegründet wurde.“
[7] Beim Deutschlandbesuch der Führungsspitze der Islamischen Weltliga im Juni 2002 war Elyas offizielles Mitglied der Delegation.
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Entnommen aus der Arbeitshilfe des Sekretariats der Deutschen Bischofskonferenz "Christen und Muslime in Deutschland" vom 23. September 2003.
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