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  Christen und Muslime in Deutschland: Teil I: Von der Wahrnehmung zur Begegnung

Den Islam in Deutschland wahrnehmen: Die wichtigsten islamischen Organisationen

 

Der türkisch geprägte Islam

 

(53) Im Zuge der Arbeitsmigration haben sich die Organisationsstrukturen des türkischen Islam nach und nach in Deutschland etabliert. So gibt es auch hier den staatlich verwalteten und den nichtstaatlichen türkischen Islam. Der nichtstaatliche stellt sich de facto entweder als Auslandsorganisation einer politischen Partei dar oder als Auslandszweig mystischer Orden oder Bruderschaften. Die nachfolgende Darstellung der wichtigsten türkisch-islamischen Organisationen folgt, so weit dies möglich ist, der chronologischen Entwicklung.

 

 

Der Verband der Islamischen Kulturzentren (VIKZ)

 

(54) Im Jahre 1973 gründeten Anhänger des türkischen Rechtsgelehrten und Sufipredigers Süleyman Hilmi Tunahan (1888 bis 1959) zur Ausrichtung von Korankursen für türkische „Gastarbeiter“ in Deutschland das Islamische Kulturzentrum Köln. Ihm folgten weitere Gründungen, so dass es 1980 in Verband der Islamischen Kulturzentren (VIKZ) umbenannt wurde. Der VIKZ stellt de facto den europäischen Auslandszweig der türkischen Föderation der Vereine zur Förderung der Schüler und Studenten dar. Deren Träger ist die nach ihrem Gründer benannte Süleymanci-Bruderschaft, die in der mystischen Tradition des Naqschbandi-Ordens steht. Die nach dem Verbot islamischer Orden in der Türkei gegründete Bruderschaft ist am ehesten als eine mystisch orientierte Korankursbewegung zu betrachten. Sie unterhält in der Türkei und weltweit ein System von gegenwärtig mehreren tausend religiösen Bildungseinrichtungen. Auch in Deutschland unterhält der VIKZ eine wachsende Zahl religiöser Schulungszentren und Internate. Durch besonders enge Speisevorschriften, ein elitäres Selbstverständnis und eine weitgehende Verehrung der Gründerpersönlichkeit grenzen sich die Süleymanci von anderen sunnitischen Muslimen ab Mit dieser Begründung wurden sie in den 60er Jahren in einem Gutachten des türkischen Präsidiums für Religiöse Angelegenheiten als „häretisch“ eingestuft.[1] Vielleicht deshalb hat der VIKZ seine enge Verbundenheit mit ihnen lange bestritten und erstmals 1997 überhaupt die Möglichkeit einer Verbindung eingeräumt.

 

(55) Dem VIKZ gehören eigenen Angaben aus dem Jahr 1997 zufolge 308 Niederlassungen mit rund 21.000 Vereinsmitgliedern in Deutschland und weitere 125 Niederlassungen weltweit an. Er gilt als drittgrößte islamische Organisation in Deutschland. Die Niederlassungen werden straff und zentral geführt und sind in Landesverbänden organisiert, die in einem Bundesverband zusammengefasst sind, welcher wiederum Teil eines Europaverbandes ist.

 

(56) Im Bemühen, den Islam in Deutschland heimisch zu machen, hat der Verband – als bisher einziger – ein Gebetslehrbuch in deutscher Sprache herausgegeben.[2] Er bildet Imame in Deutschland aus. Die Eröffnung der Islamischen Akademie Hahnenburg (ISLAH) als einer überregional bedeutsamen islamischen Bildungseinrichtung mit einem breit gefächerten Angebot – auch von Dialogveranstaltungen – im Jahre 1998 wurde als Zeichen für eine Öffnung zur deutschen Gesellschaft gewertet. Nach dem Tod von Kemal Kaçar, Scheich der Süleymanci-Bruderschaft in der Türkei, suspendierte der VIKZ im Sommer 2000 alle Aktivitäten von ISLAH, die über eine binnenorientierte Glaubensvermittlung hinausgehen.

 

 

Die Islamische Gemeinschaft Jama’at un-Nur

 

(57) Bei der in Köln ansässigen Islamischen Gemeinschaft Jama’at un-Nur, die sich in arabischer Sprache benennt, handelt es sich um die Deutschland-Sektion der nach Said Nursi (ca. 1874 bis 1960) benannten türkischen Nurculuk-Bruderschaft. Sie stellt eine vom Sufi-Ideal beeinflusste Erneuerungsbewegung dar und zeichnet sich durch das Bemühen aus, den als Schock erlebten Einbruch der Moderne geistig zu verarbeiten. So sucht sie die Naturwissenschaften als bereits im Koran grundgelegt in das religiöse Weltbild des Islam zu integrieren. Das wichtigste Werk von Said Nursi, das Risale-i Nur („Abhandlung vom Licht“), beinhaltet die bis heute für alle Nurcus verbindliche Lehre. Nach ihm ist auch die Zeitschrift „Nur – Das Licht“ benannt. Aus der türkischen Nurculuk gingen mehrere Neugründungen hervor. Die bekannteste ist die von Fethullah Gülen, der in Deutschland gleichfalls über Anhänger verfügt. Die nach Gülen benannten Fethullahçi unterhalten zahlreiche, oft sehr moderne und gut ausgestattete Bildungseinrichtungen überall dort, wo turksprachige Muslime leben. Ihr Medienorgan in Deutschland ist die populärwissenschaftliche islamische Zeitschrift „Die Fontäne“.

 

 

Die Islamische Gemeinschaft Milli Görüs (IGMG)

 

(58) 1976 wurde in Köln die Türkische Union Europa gegründet, die nach mehrfacher Neuorganisation und Umbenennung heute Islamische Gemeinschaft Milli Görüs (IGMG) heißt. Unmittelbare Vorgängerin der IGMG ist die 1985 gleichfalls in Köln gegründete Avrupa Milli Gürüs Teskilatlari(AMGT), aus der 1994/95 neben der IGMG auch die Europäische Moscheebau- und Unterstützungsgemeinschaft (EMUG) gebildet wurde, deren Aufgabe in der Verwaltung des umfangreichen Immobilienbesitzes der IGMG liegt.

 

(59) Die in ganz Westeuropa aktive Organisation gilt als europäischer Zweig der 1969 von Necmettin Erbakan gegründeten, einzigen genuin islamischen Partei in der Türkei, die dort mehrfach verboten und unter neuem Namen wiederbegründet wurde und in Deutschland vor allem unter dem Namen Refah Partisi (RP; „Wohlfahrtspartei“) bekannt ist.

 

(60) Der Namensbestandteil Milli Görüs ist im Deutschen mit „nationale Sicht“ zu übersetzen, wobei das arabische milli nicht notwendigerweise den modernen Begriff der Nation impliziert, sondern auch religiöse Konnotationen aufweist. In ihrer Selbstdarstellung betont die IGMG regelmäßig ausschließlich letzteren Aspekt. Ihr zufolge bedeutet Milli Görüs sinngemäß „monotheistische Ökumene“, wobei auf Abraham als Stammvater der monotheistischen Religionen Bezug genommen wird, der den Muslimen als erster Muslim gilt. Dessen ungeachtet besteht kein Zweifel, dass der Begriff Milli Görüs tatsächlich der politischen Sprache von Necmettin Erbakan und seiner Partei entnommen ist.[3]

 

(61) Heute umfasst die IGMG – eigenen Angaben zufolge – in Europa 740 Moscheegemeinden mit 86.000 Einzelmitgliedern, wobei 514 der Gemeinden auf Deutschland entfallen. Die Zahl der Einzelmitgliedschaften in Deutschland ist nicht bekannt; die deutschen Behörden gehen von rund 27.000 Mitgliedern aus. Nach der eng mit dem türkischen Staat verbundenen Türkisch-Islamischen Union der Anstalt für Religion[4] gilt die IGMG als zweitgrößte islamische Organisation in Deutschland.

 

(62) Von 2001 bis zu seinem Rücktritt im Oktober 2002 war Mehmet Sabri Erbakan Vorsitzender der IGMG wie auch der EMUG. Dabei handelt es sich um den in Deutschland geborenen deutschen Staatsbürger und Neffen von Necmettin Erbakan. Necmettin Erbakan hatte vor seinem Einstieg in die türkische Politik in Aachen studiert.

 

(63) Nach dem Verbot der Refah-Nachfolgerin Fazilet Partisi (Tugendpartei) durch das türkische Verfassungsgericht hat sich die Partei Erbakans im Sommer 2001 erstmals nicht geschlossen neu gegründet, sondern gespalten in die islamistische Saadet Partisi (Glückseligkeitspartei) und in die konservativ-islamische Adalet ve Kalkinma Partisi – meist abgekürzt AKP (Gerechtigkeits- und Fortschrittspartei). Während die Saadet-Partei an Politik und Person Erbakans festhält und in die Bedeutungslosigkeit abzusinken droht, hat sich die AKP unter Erdogan zu einer Sammlungspartei entwickelt, die mit ihrem Namensbestandteil Adalet erfolgreich das Erbe der Gerechtigkeitspartei des früheren Minister- und Staatspräsidenten Demirel beansprucht und derzeit die türkische Regierung bildet.

 

(64) Wenngleich die Kritik mancher Muslime in Deutschland an den religionspolitischen Verhältnissen in der Türkei teilweise berechtigt sein mag, so ist im Hinblick auf die Verbotsentscheidung des türkischen Verfassungsgerichts gegen Refah wegen ihres aktiven Eintretens für einen islamischen Staat auf der Grundlage der Scharia vom 16. Januar 1998 doch auf folgende Entscheidung des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte zu verweisen: Nachdem schon dessen Dritte Kammer am 31. Juli 2001 die Beschwerde Erbakans gegen das Verbot von Refah zurückgewiesen hatte, hat am 13. Februar 2003 seine Große Kammer die Verbotsentscheidung als zum Schutz der säkularen Staatsordnung erforderlich endgültig für rechtmäßig erklärt.

 

(65) Einzelne Beobachter in Deutschland erwarten mit Blick auf die IGMG eine ähnliche Entwicklung, wie sie in der Türkei die AKP genommen hat. Sie können darauf verweisen, dass die IGMG sich offiziellen Aussagen zufolge zur freiheitlich demokratischen Grundordnung bekennt und die säkulare Staatsform als Garant des religiösen Pluralismus und der Religionsfreiheit betrachtet. Der Verfassungsschutz, dessen Berichte auf Bundes- und Länderebene von einer umfassenden Beobachtung zeugen, aber auch Beobachter aus der Wissenschaft vertreten eine andere Auffassung. Vorgeworfen werden der IGMG – was sie, auch mit juristischen Mitteln, energisch bestreitet – die Ablehnung von Demokratie und säkularer Staatsform und ein hohes Maß an Integrationsfeindlichkeit gegenüber der deutschen Gesellschaft. Weniger betont wird jüngst der Vorwurf des Antisemitismus, der gleichwohl nicht verstummt ist.[5]

 

(66) In religiöser Hinsicht ist von einer gewissen Nähe der IGMG zum Naqschbandi – Orden auszugehen. Ihm hatte Necmettin Erbakan angehört, als er von seinem spirituellen Meister, Scheich Kotku, zur Gründung seiner islamischen Partei veranlasst worden war.

 

(67) Zu Anfang der 1990er Jahre hat der Islamrat für die Bundesrepublik Deutschland das von Atatürk abgeschaffte Amt eines Seyh ül-islam wiederbegründet.[6] Erster Inhaber war der zeitweilige Milli Görüs-Vorsitzender Ali Yüksel, der zuvor in der staatlichen türkischen Religionsbehörde die Position eines Abteilungsleiters für Rechtsfragen bekleidet hatte. Der Seyh ül-Islam war im Osmanischen Reich der höchste und politisch wichtigste islamische Gelehrte. Seine Hauptaufgabe war es, darüber zu wachen, dass die Herrschaft des Sultan-Kalifen im Einklang mit dem islamischen Recht stand. Zur Wahrnehmung dieser Aufgabe erstellte er Fatwas, d. h. islamische Rechtsgutachten. An seine Stelle hatte Atatürk das bis heute bestehende Präsidium für Religiöse Angelegenheiten gesetzt.

 

(68) Das Kritikern anachronistisch anmutende Amt hat unter den Muslimen in Deutschland bislang wenig Anerkennung gefunden. Seine Einrichtung ist sicherlich auch im Zusammenhang mit religionspolitischen Positionen des Islamrats zu sehen, stellt aber zugleich auch eine Rückwirkung der innertürkischen Auseinandersetzungen um die säkulare Staatsform auf den Islam in Deutschland dar. Die Abschaffung des Kalifats und die Einführung der säkularen Staatsordnung in der Türkei bedeuten einen tiefen Einschnitt in der islamischen Geschichte. Für den Umgang mit den Vertretern des Islam in Deutschland ist es hilfreich zu erkennen, dass die damit verbundenen Konflikte auch in Deutschland und von Deutschland aus geführt werden.

 

 

Der Kalifatsstaat

 

(69) Auch Cemaleddin Kaplan hatte viele Jahre als Bediensteter des türkischen Präsidiums für Religiöse Angelegenheiten gearbeitet. Als er wegen islamistischer Bestrebungen kurz vor der Pensionierung ausschied und nach Deutschland ging, hatte er dort den Posten des stellvertretenden Präsidenten bekleidet. In Deutschland engagierte er sich bei Milli Görüs. Dort sammelte er die radikaleren Kräfte und führte in den Jahren 1983/84 eine Spaltung herbei. Mit den Milli Görüs-Dissidenten gründete er den Verband Islamischer Vereinigungen und Gemeinschaften (ICCB). Knapp 10 Jahre später rief er – ungefähr zum gleichen Zeitpunkt, als Milli Görüs Amt des Scheich-ul-Islam wiederbegründete – in Köln den „Kalifatsstaat“ aus. Nachdem er zuvor als „Khomeini von Köln“ in die Schlagzeilen gekommen war, ist er nach seiner Selbsternennung zum Kalifen als „Kalif von Köln“ in Deutschland zum Symbol für islamistischen Extremismus geworden. Sein Sohn und Nachfolger Metin Kaplan hat eine mehrjährige Haftstrafe verbüßt, weil er zur Tötung eines internen Rivalen aufgerufen hat und dieser anschließend ermordet wurde. Hatte die Kaplanbewegung nach der Spaltung zunächst eine echte Gefahr für Milli Görüs bedeutet, so schrumpfte sie infolge ihrer stetigen Radikalisierung auf zuletzt rund 1.100 Mitglieder. Im Dezember 2001 wurde sie verboten und aufgelöst.

 

 

Die Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion

 

(70) 1984 reagierte auch die türkische Regierung auf die Entwicklungen in der türkisch-islamischen Diaspora und sorgte für die Gründung der Türkisch-Islamischen Union der Anstalt für Religion in Köln. Ihre Kurzbezeichnung DITIB leitet sich von ihrem türkischen Namen Diyanet Isleri Türk Islam Birligi ab. Faktisch stellt DITIB die inzwischen zur Europaabteilung erweiterte Deutschlandabteilung des türkischen Präsidiums für Religiöse Angelegenheiten (DIB) dar. Der Auftrag dieser von Atatürk 1924 gegründeten Behörde besteht heute darin, die Belange der islamischen Religion innerhalb des säkular begründeten Staates zu verwalten und zu fördern. Ihr Leiter, ein islamischer Rechtsgelehrter, ist dem türkischen Ministerpräsidenten unterstellt und steht auf einer Rangstufe mit Ministern und Gouverneuren.

 

(71) Das Präsidium für Religiöse Angelegenheiten sieht sich im Hinblick auf die Türken im Ausland erklärtermaßen vor die Aufgabe gestellt, deren nationale und religiöse Identität zu wahren. Mit dieser Formulierung ist die Zielsetzung des türkischen Staates für DITIB umschrieben. Hinter ihr verbirgt sich neben dem religiösen Anliegen auch ein politisches. Es geht der türkischen Regierung darum, das offizielle Religionsverständnis, das von einer staatlichen Kontrolle des Islam gekennzeichnet ist, auch unter den Türken in Deutschland zur Geltung zu bringen. Dadurch soll nicht nur außenpolitischer Einfluss gewonnen, sondern zugleich auch einem von Deutschland aus in die Türkei zurückwirkenden türkischen Islamismus entgegengearbeitet werden.

 

(72) DITIB gilt als die mit Abstand größte islamische Organisation in Deutschland. Selbstaussagen zufolge gehören ihr 776 Moscheevereine in Deutschland und viele weitere in Westeuropa an. Sie haben sich entweder DITIB angeschlossen oder wurden bereits als DITIB Zweigstellen gegründet. Zusammen sollen die Mitgliedsvereine in Deutschland auf rund 150.000 Mitglieder kommen. Dies wäre fast die Hälfte der schätzungsweise 309.000 Muslime, die sich insgesamt den großen islamischen Organisationen angeschlossen haben. DITIB versteht sich als Dachorganisation von türkischislamischen Kulturvereinen, die sie beaufsichtigt und insbesondere in religiösen, sozialen, kulturellen und gemeinnützigen Fragen unterstützt. Die wichtigste Form der Unterstützung liegt in der Vermittlung von hauptamtlichen Imamen aus der Türkei, deren Bezahlung der türkische Staat übernimmt. Derzeit arbeiten rund 600 vom türkischen Staat entsandte DITIB-Imame in Deutschland. Die anfangs fakultative Übertragung der Eigentumsrechte an den Moscheegrundstücken auf die DITIB durch die Mitgliedsvereine scheint inzwischen zum satzungsmäßig vorgesehenen Regelfall[7] geworden zu sein.

 

(73) DITIB sieht sich angesichts seiner offiziellen Befürwortung einer säkularen Staatsordnung als natürlicher und erster Ansprechpartner der deutschen Behörden und Gesellschaft. Da sie mit Hilfe ihrer diplomatischen Vertretungen von der türkischen Regierung gesteuert wird, hat sie die ihrer Größe und nahezu flächendeckenden Präsenz entsprechende Position in der deutschen Gesellschaft nicht wirklich ausfüllen können. Infolge ihrer jahrelangen Ablehnung der Einführung von islamischem Religionsunterricht in deutscher Sprache – statt der bevorzugten türkischen – hat DITIB bei den deutschen Behörden zudem an Einfluss eingebüßt. Inzwischen gibt es erstmals eine konkrete Absprache, derzufolge DITIB-Imame vor ihrer Entsendung einen Deutschkurs besuchen sollen.

 

 

Die Union der türkisch-islamischen Kulturvereine

 

(74) Bei der 1988 gegründeten Union der Türkisch-Islamischen Kulturvereine (ATIB) handelt es sich um eine betont national orientierte Gruppierung. Der Verein hat sich von der 1978 in Frankfurt gegründeten Föderation der Türkisch-Demokratischen Idealistenvereine in Europa (ADÜTDF) abgespalten, welche sich zu den „Grauen Wölfen“ und damit zu der pantürkistisch-nationalistischen Partei des 1997 verstorbenen Obersten Alparslan Türkes bekennt Eigenen Aussagen zufolge gehören ATIB 123 Moscheegemeinden an.

 

(75) ATIB steht DITIB insoweit nahe, als sie die dem Islam in der Heimat vom säkular begründeten Staat gezogenen Grenzen akzeptiert. Als Grund der Abspaltung von den in ihrer Gründungszeit a-religiösen „Grauen Wölfen“ wird gleichwohl der Wunsch nach einer stärkeren islamischen Orientierung angesehen. ATIB hat als erster Verband in Deutschland eine islamische Betreuung für Gefängnisinsassen als ein wichtiges Betätigungsfeld entdeckt. Es scheint in erster Linie Folge ihrer Diasporaexistenz zu sein, dass islamische Organisationen den Bereich der Anstaltsseelsorge zu entdecken beginnen. Seelsorge in einem dem christlichen Verständnis vergleichbaren Sinne ist in den islamischen Herkunftsländern nicht bekannt.

 

 

Die Alevitische Gemeinde Deutschland (AABF)

 

(76) Es hat vergleichsweise lange gedauert, bis die Aleviten in Deutschland begonnen haben, sich zu organisieren. Ihre traditionellen religiösen und kulturellen Strukturen in der Türkei sind infolge von Assimilationsdruck und Wanderungsbewegungen weitgehend zerstört worden und konnten nicht einfach nach Deutschland exportiert werden. Bis zum Beginn der 90er Jahre sind die Aleviten in Deutschland nahezu unbemerkt geblieben. Der Anstoß für den Aufbau eigener Strukturen ist von Hamburg ausgegangen, wo 1989 die erste alevitische Vereinigung modernen Typs gegründet wurde. Derzeit gibt es in Deutschland 96 Vereine. Sie sind Mitglied in der 1990 gegründeten Föderation der Aleviten Gemeinden in Deutschland (AABF; heute: die Alevitische Gemeinde Deutschland). Außer in Deutschland wurden auch in westeuropäischen Nachbarländern ähnliche Verbände gegründet. AABF versteht sich als eine Glaubensgemeinschaft im Sinne des Grundgesetzes und als „säkularer Verband, der die Vermischung von Religion und Politik scharf ablehnt, jedoch auf kultureller Ebene mehr Selbstbestimmung für die Aleviten in der Türkei und in Deutschland einfordert.“[8]

 

(77) Neben der Förderung ihrer kulturellen Identität widmen sich die Aleviten der Wahrung ihrer religiösen Identität. Sie müssen sich auch in Deutschland gegenüber einer türkisch-sunnitischen Mehrheit behaupten. Anders als in der Heimat aber stehen sie hier in einem

hoch säkularisierten Umfeld. Durch die Betonung ihrer „Säkularität“ allein können sie ihre Identität daher nicht dauerhaft festigen. So beginnen sie die in Deutschland gegebene Möglichkeit zu nutzen, sich frei von behördlichem Druck auch religiös zu definieren und die Anerkennung als islamische Gemeinschaft voranzutreiben. Hierzu sehen sie sich insbesondere im Zusammenhang mit der Debatte um islamischen Religionsunterricht an öffentlichen Schulen veranlasst. Sie haben Anspruch auf eigenen Religionsunterricht angemeldet, in diesem Zusammenhang eigene Lehrpläne entwickelt und damit zugleich einen Beitrag geleistet, ihre religiöse Identität zu klären.

 

[1] Vgl. Spuler-Stegemann, Ursula: Muslime in Deutschland. Informationen und Klärungen, Freiburg 2002, S. 133 f.

[2] Arikan, Hasan: Der Kurzgefasste Ilmihal. Illustriertes Gebetslehrbuch. Religionsunterricht für muslimische Kinder und Jugendliche im schulpflichtigen Alter. Hrsg. vom Verband der Islamischen Kulturzentren, e.V., Vogelsanger Str. 290, 50825 Köln VIKZ, Köln 1998. Es handelt sich um eine Art Kurzkatechismus, wie er in sunnitischen Moscheen türkischer Prägung in Deutschland unterrichtet wird.

 

[3] Vgl. Erbakan, Necmettin: Milli Görüs, Istanbul 1973 und ders.: Ekonomik Adil Düzen, Ankara 1991, S. 96.

[4] Vgl. unten den entsprechenden Abschnitt in diesem Kapitel.

[5] Vgl. Spuler-Stegemann, Ursula: Muslime in Deutschland. Informationen und Klärungen, Freiburg 2002, S. 327.

[6] Vgl. Der Islamrat für die Bundesrepublik Deutschland/ Islamischer Weltkongress und der Zentralrat der Muslime in Deutschland.

[7] Vgl. Lemmen, Thomas: „Aktuelle Entwicklung innerhalb islamischer Organisationen in Deutschland“, in: André Stanisavljevic / Ralf Zwengel (Hrsg.): Religion und Gewalt. Der Islam nach dem 11. September, Potsdam 2002, S. 129-156.

[8] Vgl. Türkei-Programm der Körberstiftung (Hrsg.): Religion – ein deutsch-türkisches Tabu? Deutsch-türkisches Symposium 1996, Körberstifung, Hamburg 1997, hier S. 112

 

 

 

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Entnommen aus der Arbeitshilfe des Sekretariats der Deutschen Bischofskonferenz "Christen und Muslime in Deutschland" vom 23. September 2003. 

 

 

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