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  Christen und Muslime in Deutschland: Teil I: Von der Wahrnehmung zur Begegnung

Den Islam in Deutschland wahrnehmen: Einheit und Vielfalt im Islam

 

Der mystische Islam

 

(38) Schon seit dem späten 7. Jahrhundert zeigte sich im Islam eine asketische Tendenz, die mit einer Verinnerlichung des Frömmigkeitsideals einherging. Sie entstand einerseits in kritischer Wendung gegen eine koranwidrige Verweltlichung des Lebensstils, die man am Kalifenhof und darüber hinaus erblickte, nachdem die großen muslimischen Eroberungen nach dem Tode Muhammads schon bald einen bislang unter Arabern nicht gekannten Wohlstand mit sich gebracht hatten. Andererseits war sie eine Gegenbewegung gegen die zunehmende Verrechtlichung des Glaubensbewusstseins, die im Zuge der Herausbildung und wachsenden gesellschaftlichen Bedeutung der islamischen Jurisprudenz um sich griff. Frühislamische Asketiker betonten die Notwendigkeit, den Verlockungen der vergänglichen Welt zu entsagen und nicht nur sein äußeres Tun, sondern auch und vor allem sein inneres Streben allein auf die Erfüllung des Willens Gottes auszurichten; zu diesem Zweck wurde empfohlen, sich ständig in der sorgsamen Beobachtung und Disziplinierung der selbstsüchtigen Regungen des eigenen Ich zu üben. Auf die subtile Psychologie des Bemühens um ausschließliche Hinwendung zu Gott, die auf solche Weise entwickelt wurde, konnte die islamische Mystik aufbauen, die sich zwischen dem späten 8. und dem frühen 10. Jahrhundert entfaltet hat. Sie wird auch als „Sufismus“ bezeichnet, ein Anhänger von ihr als „Sufi“. Diese Benennung kommt nach vorherrschender Auffassung von dem Gewand aus grober Wolle (arabisch suf), das die frühen islamischen Mystiker trugen.

 

(39) „Mystischer Islam“ und „Gesetzesislam“ waren fortan zwei Pole, die im Verlauf der Geschichte mitunter in scharfem Gegensatz gestanden haben. Vor allem nachdem der große Bagdader Mystiker al-Halladsch im Jahre 922 unter maßgeblicher Mitwirkung führender örtlicher Rechtsgelehrter zum Tode verurteilt und hingerichtet worden war, legten Sufis großen Wert darauf, den Verdacht mangelnder Schariatreue von sich abzuwenden. Die meisten islamischen Mystiker sahen aber ihrerseits auch keinen Widerspruch zwischen getreuer Befolgung des religiösen Rechts und mystischer Praxis. Denn sie betrachteten die letztere lediglich als Möglichkeit, im Sinne eines konsequenteren Islam über die äußere Erfüllung der rechtlichen Normen hinaus zu einer vertieften inneren Hingabe an den einen Gott zu gelangen, in einem späteren Entwicklungsstadium dann auch zur Erfahrung des Einsseins mit ihm. Aufgrund dieses Verständnisses von Mystik hat die islamische Geschichte immer wieder auch bedeutende Religions- und Rechtsgelehrte gekannt, die gleichzeitig praktizierende Sufis waren.

 

(40) Im Sufismus bestand schon früh die Vorstellung, dass mystische Erfahrung methodisch eingeübt werden kann, allerdings nur auf dem Wege persönlicher Initiation des Adepten durch einen Lehrmeister, dem er sich zu unbedingtem Gehorsam verpflichtet. Daher haben sich um die großen Sufi-Gestalten zunächst feste Zirkel von Schülern gebildet, die mit ihrem Lehrer in enger Bindung langfristig zusammenlebten. Vom 12. Jahrhundert an entstanden daraus Gemeinschaften, die die Generationen überdauerten, teilweise in einer Vielzahl verschiedener islamischer Länder aktiv wurden und sich zu vernetzten Strukturen mit Jahrhunderte alten Traditionen verfestigt haben. Solche Gemeinschaften werden tariqa (Weg) genannt, denn jede von ihnen folgt einem eigenen mystischen „Weg“, d. h. einer eigenen Methodik geistlicher Übungen, vor allem des meist in Gruppe vollzogenen „Gottesgedenkens“ (dhikr), das zur Erfahrung des Einswerdens mit Gott hinführen soll. Wegen der mit den verschiedenen „Wegen“ jeweils verbundenen Regeln, die an die Ordensregeln im Christentum erinnern, werden die tariq’s in den europäischen Sprachen meist als sufische „Orden“ bezeichnet. Man spricht auch von „Sufi-Bruderschaften“ oder von „Derwischorden“. Derwisch (persisch ursprünglich „der Arme“) war in älterer Zeit eine geläufige Bezeichnung für Sufis, die auf deren Ideal des Verzichts auf jeden persönlichen irdischen Besitz Bezug nimmt.

 

(41) In der Republik Türkei wurden im Jahre 1925 die Niederlassungen (türk.: tekke) der Sufiorden durch ein Gesetz von Staats wegen für geschlossen erklärt und die Orden selbst damit faktisch in die Illegalität abgedrängt. Einige der größeren unter ihnen existierten jedoch im Untergrund weiter und sind in jüngerer Vergangenheit wieder offener aktiv geworden.

 

(42) Als Beispiel eines bedeutenden Ordens sei hier derjenige der Naqschbandi (türkisiert Naksbendiye) genannt, der im 14. Jahrhundert in Zentralasien entstand. Er hat Anhänger in einer Vielzahl von islamischen Ländern und heute auch in der europäischen Diaspora und in den USA. Von diesem Orden hat sich in der Türkei die Organisation der Süleymanci abgespalten, die in Deutschland den Verband der Islamischen Kulturzentren trägt.[1] Auch etliche andere Sufiorden, und zwar nicht nur solche türkischer Herkunft, sind inzwischen in Deutschland vertreten.

 

[1] Vgl. Der türkisch geprägte Islam

 

 

 

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Entnommen aus der Arbeitshilfe des Sekretariats der Deutschen Bischofskonferenz "Christen und Muslime in Deutschland" vom 23. September 2003. 

 

 

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