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  Christen und Muslime in Deutschland: Teil I: Von der Wahrnehmung zur Begegnung

Den Islam in Deutschland wahrnehmen: Einheit und Vielfalt im Islam

 

Die Aleviten

 

(32) Die Selbstbezeichnung Alevi ist mit „Anhänger Alis“ zu übersetzen. Die Aleviten, die nicht mit den syrischen Alawiten (Nusairier) zu verwechseln sind, weisen sich somit als Muslime aus, die im Konflikt zwischen Ali und Muawiya mit den Schiiten Partei für Ali ergriffen haben. Ihr Kultspruch „Allah-Muhammad-Ali“ betont, dass Aleviten Muhammad und Ali als Teil der Wahrheit betrachten. Sie verehren auch – wie die Schiiten – die 12 Imame. Häufig werden sie daher als eine Sondergruppe innerhalb der Schia betrachtet. Mit Ausnahme der Pflicht zum Glaubensbekenntnis lehnen Aleviten die in Koran und Sunna begründeten religiös-rituellen Pflichten und auch das übrige aus Koran und Sunna entwickelte islamische Recht ab. Der Grund dafür ist, dass sie den Koran, wie er heute vorliegt, nicht als göttlich akzeptieren.

 

(33) Aleviten kennen keine Moschee, sondern das „Cemhaus“, und beten auch nicht Richtung Mekka. Mittelpunkt ihres Kultes ist der cem, ein liturgisches Gedenken an ein mythisches Mahl von vierzig heiligen Männern in der Frühzeit des Islam. Aleviten heben sich ferner auch dadurch hervor, dass sie monogam leben und dass Männer und Frauen gleichermaßen am Kult teilnehmen. Frauen haben eine deutlich stärkere soziale Position als im sunnitischen und schiitischen Islam.

 

(34) Die Lehren der Aleviten werden von Sunniten und Schiiten nicht anerkannt. Angesichts eines entsprechenden Verfolgungsdruckes setzte ihre Überlebensstrategie Jahrhunderte lang auf Abkapselung und Verborgenheit. Dazu gehört, dass ihr Glaube von ihren „Heiligen Männern“ nur mündlich tradiert wurde. Untereinander weisen die Traditionen z. T. große Unterschiede auf. Aleviten haben viele vor-islamische Elemente bewahrt und auch nach dem Auftreten des Islam ihm fremde Vorstellungen integriert. Fragen des Verzehrs von Alkohol oder Schweinefleisch sind nicht religiös festgelegt. Gleiches gilt für Kleidungsvorschriften, wie sie der sunnitische und der schiitische Islam kennen.

 

(35) Viele Muslime ziehen aus all diesen Gründen die Rechtgläubigkeit der Aleviten in Zweifel. Dessen ungeachtet ist festzustellen, dass sie selbst sich als Muslime betrachten.

 

(36) Außerhalb der Türkei und der türkischen Diaspora gibt es nur wenige Aleviten. In der Türkei aber machen sie 20 %–30 % der Bevölkerung aus. Dort sind sie seitens der dominierenden Sunniten einem hohen Assimilierungsdruck ausgesetzt. Das staatliche Präsidium für Religiöse Angelegenheiten (türk.: Diyanet Isleri Baskanligi, häufige Kurzform: Diyanet) lässt Moscheen in alevitisch besiedelten Dörfern errichten. Ferner ist die Teilnahme am Religionsunterricht in staatlichen Schulen, der sich als Religionskunde versteht, aber sunnitisch geprägt ist, auch für Aleviten verpflichtend. Im Zuge von Binnenmigration in die Großstädte der Westtürkei und mehr noch bei weiterer Migration nach Deutschland haben sich die traditionellen religiösen Strukturen der Aleviten weitgehend aufgelöst. Unter allen islamischen und verwandten Glaubensrichtungen haben Aleviten die höchste Affinität mit säkularen Denkweisen.

 

(37) In Deutschland leben derzeit schätzungsweise 600.000 Aleviten. Ihr Anteil am Islam liegt damit bei knapp 20 %, d. h. vier- bis fünfmal so hoch wie der Anteil der Schiiten. Weit wichtiger als das Verhältnis zwischen Sunniten und Schiiten ist daher im Hinblick auf ein friedliches Zusammenleben in Deutschland das Verhältnis zwischen Sunniten und Aleviten. Seit etwas über einem Jahrzehnt haben die Aleviten erstmals begonnen, sich zu organisieren und sich für ihre Anerkennung als islamische Minderheit einzusetzen.

 

 

 

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Entnommen aus der Arbeitshilfe des Sekretariats der Deutschen Bischofskonferenz "Christen und Muslime in Deutschland" vom 23. September 2003. 

 

 

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