Christen und Muslime in Deutschland: Teil I: Von der Wahrnehmung zur Begegnung

Den Islam in Deutschland wahrnehmen: Die Entwicklung der islamischen Präsenz
Vom Gastarbeiterislam zum Islam in Deutschland
(8) Trotz ihrer rapide zunehmenden Präsenz trat die islamische Religion in Deutschland zunächst kaum in Erscheinung. Wie die Deutschen glaubten auch die zugewanderten Arbeitskräfte an eine baldige Rückkehr in die Heimat. Ihren religiösen Bedürfnissen – meist im Rahmen von Arbeitervereinen gepflegt – genügte die Möglichkeit zur Verrichtung des Gebetes. Die rituellen Mindestvoraussetzungen sind – sei es zu Hause oder am Arbeitsplatz – die Sauberkeit des Bodens, gewährleistet durch einen Gebetsteppich oder notfalls eine aufgefaltete Zeitung, die rituelle Reinheit des Beters, die nötigenfalls durch Waschungen wiederhergestellt werden muss, sowie das ehrliche Bemühen um die Beachtung der Gebetsrichtung nach Mekka.
(9) Im Jahre 1973 einigten sich die Mitglieder der Europäischen Gemeinschaft auf die Beendigung weiterer Anwerbungen. Damit entfiel die Möglichkeit der Aneinanderreihung befristeter Arbeitsverträge im Rahmen der Rotation der Arbeitsmigranten zwischen Deutschland und den Heimatländern. Der Anwerbestopp führte daher zu umfassenden und tief greifenden Veränderungen. Von nun an begannen viele „Gastarbeiter“, sich auf ein längerfristiges Leben in Deutschland einzustellen und holten ihre Frauen und Kinder nach. Aus der befristeten Migration muslimischer Arbeiter entwickelte sich eine Immigration muslimischer Familien. Ihnen genügte die Beachtung der Gebetsvorschriften nicht mehr. Hinzu traten die Notwendigkeit religiöser Unterweisung der Kinder und der Wunsch nach einer umfassenderen Lebensgestaltung entsprechend den Vorschriften des islamischen Glaubens. War der Islam in Deutschland zunächst ein öffentlich nicht präsenter „Gastarbeiterislam“, so begann er von 1973 an, sich in einen Islam mit öffentlicher Präsenz, in einen „Islam in Deutschland“ zu verwandeln. Der wichtigste Schritt in dieser Entwicklung liegt darin, dass die Muslime es mit Erfolg unternommen haben, eine ihren gewachsenen religiösen Bedürfnissen entsprechende islamische Infrastruktur aufzubauen.
(10) Deren Kristallisationspunkte sind die vor 1973 selten, seit 1973 aber zahlreich gegründeten Moscheevereine. Diese haben sich zu regionalen Verbänden und landesweiten Dachverbänden zusammengeschlossen. Im Hinblick auf die Erfordernisse einer Lebensweise nach dem islamischen Recht, der Scharia, entfalten sie umfangreiche Aktivitäten, die z. T. auch wirtschaftlicher Natur sind. So entstanden im Umfeld der Moscheen etwa die ersten spezialisierten Geschäfte für religiöse Literatur, für rituell reine Nahrung oder für Kleidung gemäß islamischer Tradition. Manche Organisationen unterhalten auch außer Moscheen vor allem Bildungseinrichtungen aller Art. Ferner geben die größeren Moscheevereine inzwischen eigene Medien in deutscher Sprache heraus. Wer sich über islamisches Leben in Deutschland aus islamischer Sicht informieren will, kann auf mindestens 24 deutschsprachige islamische Zeitschriften zurückgreifen. Hinzu kommt ein sprunghaft wachsendes Internetangebot.
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Entnommen aus der Arbeitshilfe des Sekretariats der Deutschen Bischofskonferenz "Christen und Muslime in Deutschland" vom 23. September 2003.
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