Christen und Muslime in Deutschland: Teil I: Von der Wahrnehmung zur Begegnung

Den Islam in Deutschland wahrnehmen: Die wichtigsten islamischen Organisationen
(43) Zu den Veränderungen seit 1973 gehört, dass Moscheevereine an die Stelle von Arbeitervereinen getreten sind. Sie haben sie nicht nur im Hinblick auf ihre religiösen sondern auch in der Wahrnehmung ihrer sozialen Funktionen abgelöst. So verknüpfen sich in ihnen die unterschiedlichen nationalen und politischen Bindungen der Muslime mit den religiösen Anliegen. In jeglicher Hinsicht wirken die Moscheevereine als Kristallisationspunkte der entstehenden islamischen Infrastruktur und als Faktoren islamischer Identitätsfindung in einem nichtislamischen Umfeld. Diese Funktionen können sie wahrnehmen, obgleich der Organisationsgrad der Muslime relativ gering ist. Nach allgemeinem islamischem Verständnis bedarf es einer Organisation der Muslime nicht. Die Mitgliedschaft in einem Moscheeverein ist keine Voraussetzung für die Religionszugehörigkeit und Religionsausübung.
(44) Indem die Moscheevereine sich anhand nationaler, politischer und religiöser Trennungslinien zu überregionalen Verbänden zusammenschließen, reproduzieren sie die religiösen, politischen und kulturellen Differenzen, Spannungen und Konflikte der Heimatländer. Umgekehrt haben die Herkunftsländer sehr bald ihr Interesse entdeckt, durch finanzielle oder personelle Unterstützung Einfluss auf den Islam in Deutschland zu nehmen.
(45) Vor diesem Hintergrund sehen manche Menschen in Deutschland die wachsende islamische Präsenz mit Sorge: Die vielschichtigen Konflikte z. B. im Nahen Osten oder in der Türkei wirken sich nicht nur auf den Islam in Deutschland aus, sondern sie werden auch auf deutschem Boden ausgetragen. Auch wenn sie politische Ursachen haben, werden sie mit dem Islam in Verbindung gebracht; denn nicht zuletzt bedienen sich die jeweiligen Parteien einer religiösen Sprache und instrumentalisieren religiöse Differenzen und Gegensätze.
(46) Im Hinblick auf ein friedliches Zusammenleben in unserem Lande zählt es daher zu den wichtigsten Aufgaben, sich mit entsprechenden Ängsten ernsthaft auseinander zu setzen. Unbegründeten Ängsten ist wo immer möglich durch Information und Aufklärung entgegenzuwirken. Sorgfältige Unterscheidungen sind zu treffen, und nicht gerechtfertigten Vorurteilen und Vorbehalten ist aktiv zu begegnen. Wenn sich Christen dieser Aufgabe verantwortungsvoll annehmen wollen, stehen sie zunächst vor der Frage, „ob sie sich über die einzelnen organisierten Gruppen“, die islamisches Leben in Deutschland gestalten, „ausreichend informieren“[1].
Die Unterabschnitte:
[1] Vgl. Spuler-Stegemann, Ursula: Muslime in Deutschland. Nebeneinander oder Miteinander, Freiburg 1998, hier S. 313. Zu den islamischen Organisationen in Deutschland siehe ausführlich auch Lemmen, Thomas: Muslime in Deutschland. Eine Herausforderung für Kirche und Gesellschaft, Baden-Baden, 2001, SS. 52-128.
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Entnommen aus der Arbeitshilfe des Sekretariats der Deutschen Bischofskonferenz "Christen und Muslime in Deutschland" vom 23. September 2003.
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