Muslime in Deutschland: Teil II: Einzelfragen

Feiern, multireligiös
(402) Beten von Muslimen und Christen in gemeinsam gestalteten Begegnungen findet sowohl bei offiziell geplanten Anlässen wie auch informell und ungeplant statt, und zwischen beidem gibt es zahllose Mischformen. Auch in unseren säkularisierten Gesellschaften fehlt es nicht an freudigen sowie leidvollen Ereignissen auf nationaler Ebene, die auch religiös begangen werden und somit das Beten von Christen, Muslimen und anderen religiösen Gruppen in Gegenwart von Angehörigen der jeweils anderen Religionen nahe legen. Seit einiger Zeit kommen dazu immer häufiger Ereignisse auf internationaler Ebene, nicht zuletzt gewaltsame Konflikte in Regionen, in denen Religionen eine wichtige Rolle spielen, die viele Anhänger in Deutschland haben. So kommt es immer häufiger zu multireligiösen Gebetstreffen für den Frieden. Das große Gebet der Religionen in Assisi im Jahre 1986 hat seither in der ganzen Welt als eine Quelle der Inspiration fortgewirkt. Auch schließen viele der auf verschiedenen Ebenen organisierten islamisch-christlichen Begegnungen in ihrem Programm nicht selten eine Zeit für Hören und Beten ein.
(403) Der Vielfalt der Gelegenheiten entspricht eine Vielfalt praktizierter Formen. Immer öfter wird eine Art „geistliche Gastfreundschaft“ geübt. Die Mitglieder einer Gemeinschaft nehmen im Rahmen einer offiziellen Veranstaltung oder – etwa im Kontext gegenseitiger Besuche von benachbarten Kirchen- und Moscheegemeinden – aus Interesse und Freundschaft am Gottesdienst der anderen Gemeinschaft teil.
(404) Seit einigen Jahren gibt es, auf die Initiative der Muslime hin, den „Tag der offenen Moschee“, und überhaupt laden Muslime Christen und andere Nicht-Muslime immer häufiger zum Besuch der Moschee und zur Anwesenheit beim rituellen Gebet der Moscheegemeinde ein – was allerdings keinesfalls als Einladung zur Teilnahme missverstanden werden sollte: Bei solchen Moscheebesuchen erklärt der Imam der Moschee oder ein Vertreter den christlichen Gästen die wesentlichen Elemente der Moschee, des rituellen Gebets und der zu ihm gehörenden rituellen Waschungen und Vorschriften und führt so auch in wesentliche Aspekte des Islam als Glauben und Praxis ein.
(405) Ein Beten in Präsenz von Angehörigen verschiedener Religionen kann sich in vielen Formen vollziehen: gemeinsames Schweigen vor dem unaussprechlichen Gott, gemeinsames Hören ausgewählter Texte aus Bibel und Koran, wobei sich eine gute Anzahl von Psalmen ganz besonders eignet; außerdem aber auch gemeinsam und sorgfältig ausgewählte, geistliche Literatur, Gebete des Lobes, Dankes, der Reue und Bitte, Segensformeln, Litaneien und spontan formulierte Beiträge. Der Vortrag der Gebete und das Mitteilen von Reflexionen mögen hier und da durchaus auch musikalisch gestaltet sein.
(406) Wo sich solche Formen von Feiern unter Einbeziehung des Betens entwickeln, stellen sich sowohl von der christlichen wie von der muslimischen Glaubenstradition her ernst zu nehmende Fragen. Die Zurückhaltung auf beiden Seiten zeigt, dass wir es bei der Begegnung im Gebet mit Fragen zu tun haben, die das Herz beider Religionen und ihres Verhältnisses zueinander betreffen. Erst auf der Grundlage einer Kenntnis der beiderseitigen Gebetsverständnisse[1] kann die nötige Klarheit für ein verantwortungsvolles Vorgehen gewonnen werden.[2]
Verschiedene Anlässe und Formen
Wechselseitige Teilnahme am Gottesdienst als Gäste
(407) Zunächst ist hier vorausgesetzt, dass solche Teilnahme auf Einladung hin zustande kommt. Als Gast dem Gottesdienst einer Moscheegemeinde beizuwohnen ist dem Besuch einer Familie in ihrem Heim vergleichbar. Man tappt nicht uneingeladen hinein. Eine Einladung wird es der Gemeinde ermöglichen, sich gebührend auf den Empfang der Gäste bzw. auf die Rolle des Gastes vorzubereiten. Wenn man dem Gottesdienst einer anderen Gemeinschaft beiwohnt, ist vor allem „respektvolle Gegenwart“ angesagt. Damit ist hier konkret der Respekt für den gesamten rituellen Vollzug des islamischen Gebets gemeint. Wenn Christen Muslime als Gäste beim liturgischen Gebet empfangen, sollten sie vertraut sein mit den besonderen Empfindlichkeiten der Muslime, gleichzeitig aber ihren eigenen liturgischen Raum unverändert lassen und ihr Gebet ohne jegliche Abstriche vollziehen. Der ungeschmälerte Vollzug des Gebets und der Riten sollte nicht als Zeichen mangelnder Aufmerksamkeit für die Gäste missdeutet werden. Dabei müssen bestimmte Verhaltensweisen und Einschränkungen, z. B. keine Zulassung von Nichtkatholiken zur eucharistischen Kommunion beachtet werden.
Beten im Rahmen multireligiöser Begegnungen
(408) Durch das berühmt gewordene Weltgebetstreffen von Assisi 1986 wurde ein anderes Modell geprägt: die multireligiöse Feier bzw., genauer, das Gebet im Rahmen einer multireligiösen Begegnung. Darunter verstehen wir eine Begegnung, bei der Gebete verschiedener Glaubensgemeinschaften neben- oder nacheinander vollzogen werden. Während die Vertreter einer Glaubensgemeinschaft ihr Gebet vollziehen, hören die anderen Teilnehmer in respektvollem Schweigen zu. Oft nehmen Christen und Muslime zusammen mit anderen Gläubigen an solchen Begegnungen teil.
(409) Von christlicher Seite sollte eine solche Begegnung möglichst ökumenisch getragen und von Geistlichen der entsprechenden Kirchen mitgestaltet werden. Dabei sind jedoch unterschiedliche Bewertungen durch die einzelnen christlichen Konfessionen zu beachten. Die Vertreter der Religionen, die bei Gebeten in multireligiösem Kontext mitwirken, sollten von ihren Institutionen anerkannt und offiziell beauftragt sein, um Konflikte zu vermeiden.[3]
(410) Auf die Auswahl geeigneter Orte muss große Sorgfalt verwendet werden. In der Regel sollten solche Begegnungen nicht in einem Sakralraum, sondern in neutralen Räumlichkeiten stattfinden. Dadurch kann Rücksicht auf das Bilderverbot genommen werden, das für Juden wie Muslime gilt. Auch die Auswahl des Tages und der Stunde bedarf der Sorgfalt. Dabei sind die jeweiligen Fest- und Feiertage, etwa der Sonntag, der Sabbat und der Freitag, sowie die Gebetszeiten zu respektieren.[4]
(411) Für Gebete bei multireligiösen Begegnungen ist eine gute Vorbereitung außerordentlich wichtig. Dazu gehört, dass die Vertreter der Religionen, die sich beteiligen, sich vorher treffen, um sich kennen zu lernen und persönliche Kontakte aufzunehmen. Wenn Vertreter von Religionen oder Gruppen teilnehmen, zwischen denen Spannungen bestehen, muss zuvor geklärt werden, ob die erforderlichen Voraussetzungen gegeben sind.
(412) Empfehlenswert ist zur Vorbereitung, eine Begegnung mit Gesprächen und evtl. auch Vorträgen durchzuführen. Sie kann Einblicke in die Lebensweise der Religionen geben und Themen anschneiden, die für die Begegnung im Gebet hilfreich sind. Dazu gehören das Verständnis des Dialogs, des Gebets und des Friedens in den verschiedenen religiösen Traditionen.[5]
(413) Vom Träger aus gesehen gibt es bei multireligiösen Treffen zwei Formen, das Team-Modell und das Gastgeber-Modell. Beim Team-Modell laden die beteiligten Religionen gemeinsam ein und gestalten in einer Arbeitsgruppe die Begegnung. Beim Gastgeber-Modell lädt eine Religion ein, leitet die Vorbereitung unter Beteiligung der anderen Religionen und organisiert die Durchführung.
(414) Als grundsätzliche Regel gilt, dass auf das gemeinsame Beten – sei es von frei verfassten oder sei es von aus der Tradition ausgewählten Texten – verzichtet wird, wie es auch in Assisi gehalten wurde. Es sollte auch darauf verzichtet werden, gemeinsam Lieder zu singen, die von den jeweiligen Glaubensvorstellungen und Glaubenstraditionen geprägt sind. Eine weitere Regel ist es, dass eine Religion bei solchen Feiern keine Texte oder Bräuche anderer Religionen in ihre Beiträge aufnimmt, die nicht gleichzeitig – wie im Fall des Alten Testaments bei Christen – auch zur eigenen Überlieferung gehören.
(415) Für den Ablauf und Aufbau einer multireligiösen Begegnung gibt es keine verbindliche oder feststehende Form. Die Gestaltung der von den einzelnen Partnern vorgetragenen Teile liegt in deren Verantwortung, muss aber so sein und vorgetragen werden, dass jeder Teilnehmer ihr mit Respekt folgen kann und sich nicht angegriffen fühlt. Das Lob des einen und ewigen Gottes ist immer unverzichtbares Element, bevor Anliegen und Bitten vorgetragen werden. Die Begegnung kann unter ein bestimmtes Thema gestellt oder einem bestimmten Anliegen, wie dem Frieden gewidmet werden.
(416) Aus der katholischen Tradition bietet sich die Tagzeitenliturgie als Modell an. Dazu gehören Lesungen aus den heiligen Schriften wie auch Gebete aus den gottesdienstlichen Traditionen. Geeignete christliche Gebetstexte sind unter anderem das Vaterunser, das Benediktus, das Magnifikat, Psalmen sowie Lieder und Hymnen.
(417) Gesten und Gebärden, die von allen Partnern nach Absprache akzeptiert worden sind, können einbezogen werden. Zu nennen sind das Entzünden von Kerzen, Formen des Friedensgrußes, das Austeilen von Blumen und anderen geeigneten Zeichen. Auch das Schweigen ist ein wichtiges und geeignetes Element, das der Sammlung und dem stillen Beten dient, aber auch beim Gedenken an Opfer der Gewalt und bei Bitten in Krisensituationen angebracht ist. Bei musikalischen Beiträgen ist darauf zu achten, dass alle Partner sie annehmen können. Instrumentalmusik eignet sich manchmal besser als Gesang.[6]
[1] Vgl. Beten im Islam und im Christentum.
[2] Vgl. auch für die weiteren Ausführungen: Deutsche Bischofskonferenz, Leitlinien für multireligiöse Feiern von Christen, Juden und Muslimen. Eine Handreichung der deutschen Bischöfe. Bonn, 2003.
[3] Ibid., Kap. IV, 2.
[4] Ibid., Kap. IV, 2.
[5] Ibid., Kap. IV, 3.
[6] Ibid., Kap IV, 4.
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Entnommen aus der Arbeitshilfe des Sekretariats der Deutschen Bischofskonferenz "Christen und Muslime in Deutschland" vom 23. September 2003.
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