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  Muslime in Deutschland: Teil I: Von der Wahrnehmung zur Begegnung

Christen und Muslime in unserer Gesellschaft: Islamische Präsenz – eine Herausforderung für die Kirche

 

 

Themen des Dialogs: Der Dialog der Werte

 

(307) Eine Bilanz der Kolloquien zwischen Christen und Muslimen während der vergangenen Jahrzehnte zeigt, dass der Dialog auf der Ebene der Theologie im engeren Sinn des Wortes äußerst schwierig bleibt. Ehrlichkeit verlangt von beiden Seiten, unbedingt loyal gegenüber der eigenen religiösen Tradition zu sein, während man gleichzeitig unbeirrt das Ziel verfolgt, gegenseitigen Respekt und besseres Verstehen des Gegenübers zu entwickeln.

 

(308) Auf der Ebene der Werte jedoch können Christen und Muslime von ihrer jeweiligen Glaubensauffassung her sich verpflichtet sehen zu gemeinsamem Zeugnis und solidarischem Dienst. Die Würde des Menschen, die sie als ein Geschenk Gottes wertschätzen, führt sie dazu, gemeinsam zu ergründen, was diese Würde alles beinhaltet, und motiviert sie, die sich ergebenden Wertvorstellungen in juristische Texte und moralische Normen zu übersetzen. Jedenfalls erweist sich dieses Thema in allen Begegnungen von Christen und Muslimen als von zentraler Bedeutung.

 

(309) Die Werte, die es – auch gemeinsam mit Muslimen – zu verwirklichen gilt, tragen einen Namen: den der Menschenrechte. Es ist erfreulich festzustellen, dass dieser Begriff allmählich auch unter den Muslimen eine Schlüsselstellung einzunehmen beginnt. Dies gilt ungeachtet der Tatsache, dass die verschiedenen muslimischen Verlautbarungen zu den Menschenrechten – bisher jedenfalls – zentralen Begriffen einen Sinn zuschreiben, der mit deren Bedeutung im Text der Deklaration der Menscherechte der Vereinten Nationen vom Jahre 1948 oder auch im Text des Erklärung über die Religionsfreiheit (Dignitatis Humanae) des zweiten Vatikanischen Konzils nicht deckungsgleich ist.

 

(310) Wie immer es sich mit der Bedeutung der verschiedenen islamischen Menschenrechtserklärungen verhält und trotz des Hindernisses, das in dem ständigen Verweis auf die Scharia besteht, gilt es dennoch anzuerkennen, dass wir es bei diesen Erklärungen mit wesentlichen Werten zu tun haben. Auf diese Werte bezieht sich auch das Zweite Vatikanische Konzil, wenn es Christen und Muslime einlädt: „das Vergangene beiseite zu lassen, sich aufrichtig um gegenseitiges Verstehen zu bemühen und gemeinsam einzutreten für Schutz und Förderung der sozialen Gerechtigkeit, der sittlichen Güter und nicht zuletzt des Friedens und der Freiheit aller Menschen.“ (Nostra Aetate, Nr. 3) Dazu zeichnet die „Pastorale Konstitution über die Kirche in der Welt von Heute“ (Gaudium et Spes) eine detaillierte „Karte“ der notwendigen Felder der Zusammenarbeit aller Menschen guten Willens. Christen und Muslime, zusammen mit Juden und anderen Menschen guten Willens wissen sich eingeladen, „die Welt zu vervollkommnen“ durch einen „besseren Dienst am Menschen“. In Dialog und Zusammenarbeit gilt es auf lokaler, regionaler und internationaler Ebene in dieser Richtung voranzugehen: Aufbau wirklich pluraler Gesellschaften; Achtung der Rechte der Minoritäten sowie der Rechte der Kinder und Minderjährigen; Stützung der Familie; Einsatz für die genuinen Rechte der Frau und für demokratische, zivilgesellschaftliche Strukturen, Anstrengungen zur Verwirklichung sozialer Gerechtigkeit und einer Kultur des Friedens. Kein Zweifel, das Meiste bleibt hier noch zu tun. Ein wirklich solidarisches Denken und Handeln über die Grenzen der jeweiligen religiösen Gemeinschaft hinweg hat sich noch kaum allgemein durchgesetzt. Dennoch bleibt wahr: der „Dialog des Lebens“ von Christen und Muslimen verlangt danach und führt unvermeidlich dazu, gemeinsame Initiativen zu ergreifen und zu wetteifern in selbstlosem Dienst an Flüchtlingen und Asylanten, an Marginalisierten, Körperbehinderten und Kranken durch effektive Zusammenarbeit in Schule, Krankenhaus, Gefängnis und so fort. Dies führt zu gemeinsamem Nachdenken und zu Initiativen im Bereich der Erziehung und des Schutzes des Lebens, bis hin zu Fragen der Bioethik.

 

(311) Für alle Monotheisten ist das menschliche Leben von seinen ersten Anfängen an bis zum letzten Augenblick unantastbar: der Islam verbietet ebenso wie das Christentum Abtreibung, Sterilisation und Euthanasie. Beide Religionen sprechen sich für verantwortete Elternschaft aus, selbst wenn es unter ihnen unterschiedliche Meinungen zur Frage der Geburtenkontrolle gibt. In diesem Zusammenhang lohnt es sich, die neuerlichen Entwicklungen auf dem Gebiet des Familienrechts in verschiedenen islamischen Ländern zu studieren. Zweifellos führen die Begegnung, bzw. das Aufeinanderprallen der Kulturen, die weltweiten zwischenmenschlichen Kontakte in immer drastischer erfahrener Ungleichzeitigkeit des Gleichzeitigen Christen und Muslime dazu zu entdecken, dass sie einander hinsichtlich der gelebten Werte näher stehen als es ihnen zunächst erscheint.

 

 

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Entnommen aus der Arbeitshilfe des Sekretariats der Deutschen Bischofskonferenz "Christen und Muslime in Deutschland" vom 23. September 2003. 

 

 

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