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  Vatikan spricht sich für ein Recht auf Moscheen und Kirchen aus

Prof. Dr. Christian W. Troll SJ

Prof. Dr. Christian W. Troll SJ

Jeder hat das Recht auf freie und öffentliche Religionsausübung. Darauf haben Christen und Muslime sich bei dem gemeinsamen Seminar in Rom verständigt. 24 Delegierte beider Religionen und je fünf Experten berieten drei Tage über die Themen Gottes- und Nächstenliebe sowie über Fragen der Menschenwürde und Religionsfreiheit. Eine gemeinsame Abschlusserklärung hält die wichtigsten Vereinbarungen zu ethischen wie sozialen Fragen, zu Bildung und friedlichem Miteinander der Kulturen und Religionen fest. Das nächste Treffen dieser Art soll in zwei Jahren in einem Land mit mehrheitlich muslimischer Bevölkerung stattfinden.

 

Unter den Experten katholischer Seite war Pater Christian Troll, Jesuit und Islamfachmann. Er fasste im Gespräch mit Birgit Pottler Verlauf, Ergebnisse und Chancen des Dialogtreffens zusammen.

 

Der Mensch ist laut Koran ja Stellvertreter Gottes und darauf lässt sich eine Lehre der Menschenwürde aufbauen. Die Frage ist dann, können wir von da zu den Menschenrechten und zu Religionsfreiheit kommen. Beispiel: Wir haben insistiert, dass es ein Recht geben muss auf freie, private und öffentliche Religionsausübung. Dieses Recht auf öffentliche Religionsausübung stieß im Redaktionskomitee unserer muslimischen Freunde auf etwas Schwierigkeiten. Doch ich habe darauf hingewiesen, es ginge hier nicht nur um Christen, die dieses Recht in Anspruch nehmen. Wie soll ich denn in Deutschland den Bau von Moscheen und die öffentliche Praxis des Islam verteidigen, wenn ihr das hier nicht anerkennen wollt. Dann ist der Großmufti von Sarajewo, der der Leiter der Delegation war, seinen Freunden zu Hilfe gekommen, bzw. hat ihnen gesagt: Das muss anerkannt werden. Da haben wir selbst ein Interesse als europäische Muslime.

 

Andere konkrete Beispiele oder Zwischenfragen?

 

Auch bei diesen Gesprächen zeigt sich immer wieder die nicht genügende Information übereinander. Wir haben doch auf der christlichen Seite eine ganze Reihe, die entweder als Akademiker oder als Bischöfe in der arabischen Welt nicht wenig wissen über den Islam - auch theoretisch. Wir haben aber auf der islamischen Seite kaum einen seriösen Christianologen. Wir brauchen Muslime, die sich auf lange Zeit hin als Akademiker und gläubige Muslime zu gleicher Zeit intensiv mit der christlichen Exegese, mit christlichen theologischen Wissenschaften, mit der Philosophie auseinandersetzen. Und so lange es das nicht gibt, ist ein Dialog auf dieser Ebene kaum sehr fruchtbar. Es wurde jetzt so formuliert, dass es notwendig ist, ,akkurate und genügende Information’ zu haben. Es ist hier etwas allgemein formuliert, ich hätte mir das noch stärker gewünscht. ... Ein anderes Thema das angesprochen wurde, ist die verzerrte Information, die oft auch in Schulbüchern grundgelegt ist.

 

Am dritten Tag dann die Ansprache des Papstes und am späten Nachmittag die abschließende Erklärung. Bei der Frage nach den Werten gibt es hier ja enge Anknüpfungspunkte.

 

Der Papst hat seine Ansprache gehalten, in der er gewissermaßen die Linie fortsetzt. Natürlich ist es auch gut, wenn Theologen sich miteinander austauschen, wie wir es am ersten Tag getan haben, aber vor allen Dingen betont der Papst immer wieder die Frage der Menschenrechte, der gegenseitigen Achtung und die Frage: Gibt es gemeinsame Ethik, gemeinsame Werte. In der Final Declaration steht: ,Menschliches Leben ist ein äußerst wertvolles Geschenk Gottes an jede Person. Es sollte deshalb erhalten und geehrt werden in allen seinen Phasen.’ Da sieht man, dass es zum Beispiel in der Bioethik, sei es bei Abtreibung, Sterbehilfe oder moralischen Fragen doch viele Gemeinsamkeiten gibt, weil man gemeinsam daran glaubt, dass Gott jeden Menschen erschaffen hat, am Leben erhält und sich um jeden Menschen persönlich kümmert.

 

Genau diesen Punkt hat der Papst in seiner Ansprache ja noch einmal betont, gleichzeitig aber auch unterschiedliche Zugangsweisen, unterschiedliche Gottesbilder zugegeben. Kann es auf dieser Basis des unterschiedlichen Gottesbildes weiterführenden Dialog geben?

 

Das Gottesbild haben wir implizit diskutiert, indem man auf die Frage eingegangen ist, Gott liebt, Gott ist Liebe, was bedeutet das für die Christen. Ich würde sagen, dass diese Muslime, die jetzt da sind, die Tendenz haben, zu sagen, ,mehr oder weniger sagen wir das auch'. Es ist klar, dass man bei längerem Zusammensein fragen müsste, wie werden gewisse wichtige Aussagen des Korans verstanden, und welche Methode der Koranexegese wird da angewandt. So technisch ist es diesmal nicht geworden. Aber wenn man sagt, wir haben verschiedene Gottesbilder, heißt das ja nicht, dass man nicht gemeinsam, wie das Konzil sagt, den einen Gott anbetet. Diese Anbetung des einen Gottes, was immer dann im Einzelnen über Gott gesagt wird, diese Haltung ist ein Wert an sich. Aus dieser Haltung Gott gegenüber kann der Mensch – Muslim und Christ – Kraft schöpfen, um für Werte wie menschliches Leben und menschliche Würde einzutreten. ... Es ist schon einmal wichtig, wenn eine wichtige Gruppe von Muslimen sich so klar zu solchen Werten bekennt.

 

Das menschliche Leben muss geschützt werden. Das ist ein Punkt der Abschlusserklärung, was sind andere große Linien?

 

Menschliche Würde haben wir schon angedeutet, dann: echte Liebe des Nächsten. Sie muss dazu führen, dass ich die Gewissens- und Religionsfreiheit, auch die Freiheit, die Religion zu verlassen, anerkenne. Hier steht zum Beispiel: ,Wahre Liebe des Nächsten impliziert den Respekt der Person und der Entscheidungen, die diese Person trifft im Bezug auf Gewissens- und Religionsfragen, und es schließt das Recht von Individuen und Gemeinschaften ein, ihre Religion privat und öffentlich zu praktizieren. Wie schon gesagt, da gab es Probleme, aber das ist sehr wichtig, dass die Muslime sich dazu bekannt haben. Das heißt etwa in Saudi-Arabien, wo es eine Million Katholiken aus verschiedensten Ländern gibt, haben sie das Recht, auch wenn es Gastarbeiter oder keine vollen Bürger Saudi-Arabiens sind, ihre Religion öffentlich zu praktizieren. Da sind die Muslime schon herausgefordert.

Auch bei uns kann man darüber nachdenken, welche Konsequenzen das hat. Kann ich mich als überzeugter Christ grundsätzlich gegen den Bau von Moscheen wehren, wenn die katholische Kirche das Recht der Muslime bestätigt, ihre Religion privat und öffentlich zu praktizieren. ... Hier wird ja der Islam auch als Religion anerkannt. Die Muslime sind aber auch herausgefordert, jetzt einen Religionsbegriff zu entwickeln, der nicht nur konform mit der pluralen Demokratie ist, sondern der sie motiviert, Teilnehmer der Gesellschaft zu sein; weder die Gesellschaft als Muslime beherrschen, noch von der Gesellschaft werden. ....

 

Damit sind wir bei den Konsequenzen dieses Seminars. Welchen Einfluss haben die Vertreter der beiden Religionen, die jetzt in Rom versammelt waren, diese Forderungen nach Menschenwürde, Religionsfreiheit etc auch umzusetzen?

 

Ich gehe davon aus, dass – Gott weiß mehr – die meisten Teilnehmer ehrlich sind, und alle überzeugt sind, von dem was in der Erklärung steht. Ich würde sagen, je nachdem ob einer Lehrer, Journalist oder Mufti ist, wird er in einem Prozess das einbringen, was wir erwähnt haben. Das geht nicht von heute auf morgen. Aber er wird neu zu denken versuchen und versuchen, diese Dinge in seinem Umfeld, im islamischen Denken und Praktizieren, umzusetzen. Das ist sicher sehr positiv. Wenn man als katholischer Christ zuhört, gibt es immer wieder Dinge, wo man noch sensibler wird für Widersprüche in der Praxis unsererseits. Die Hauptwirkung einer solchen Konferenz ist bis zu einem gewissen Grad die Transformation, ein Prozess des neuen Denkens. Natürlich würde man sich wünschen, dass auch einige praktische Initiativen entstehen, wie zum Beispiel eine Kooperation zwischen dem Päpstlichen Institut für Arabische und Islamische Studien und etwa dem Institut in Amman, sich bestimmte Schulbücher unter dem religiösen Aspekt anzusehen, oder auf dem Hintergrund der Werte, die bei dieser Konferenz und dem Initiativschreiben der Muslime im Vordergrund stehen. Ich hoffe, dass sich so etwas entwickelt. (rv 06.11.2008 bp)

 

 


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