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  „Ein Vergleich zum Karikaturenstreit ist unzulässig“

missio-Experte Oehring über die Wirkung des Minarettverbots

 

Von Alexander Brüggemann (KNA)

 

2.12.2009 Das Ja der Schweizer für ein landesweites Minarettverbot hat europaweit Diskussionen ausgelöst. Scharfe Reaktionen aus der islamischen Welt, wie anfangs befürchtet, blieben zunächst aus. Im Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) gibt der Islam-Experte des katholischen Hilfswerks missio, Otmar Oehring, seine Einschätzung über mögliche Folgen des schweizerischen Votums.

 

KNA: Welche Auswirkungen erwarten Sie vom Schweizer Minarettverbot für die Christen und ihre Religionsfreiheit in der muslimischen Welt?

 

Oehring: Eigentlich keine allzu großen. In den europäischen Nachbarländern gibt es natürlich unter den muslimischen Gruppen große Aufregung und Empörung. Es ging ja in der Schweiz nicht nur um die Frage der Minarette. Das war natürlich auch ein Stellvertreterthema für eine Angst vor dem Islam allgemein. Ein Gesprächspartner in der Türkei meinte, nach allem, was dort heute in den Zeitungen zu lesen sei, müsse man sich nicht vor Ausschreitungen fürchten - sofern nicht entsprechende Kreise die Bevölkerung animieren, auf die Straßen zu gehen und zu protestieren.

 

KNA: Die türkische Presse sprach aber auch schon von einem „Sieg der Islamophobie“.

 

Oehring: Auch von Anzeichen für Faschismus in der Schweiz ist gesprochen worden, ja. Aber das sind natürlich in den türkischen Medien die normalen Vokabeln. In den arabischen Medien, im Libanon etwa, ist nur die Schweizer Entscheidung selbst referiert worden - freilich mit einem deutlich negativen Unterton. In Ägypten wartet wohl alles auf das Urteil des Scheichs der Al-Azhar-Universität - und das wird natürlich negativ ausfallen. Die ägyptischen Behörden sollten sich mit einer Verurteilung der Schweizer Abstimmung eigentlich zurückhalten, weil es dort ähnliche Tendenzen gibt: beim Bau christlicher Kirchen, der Höhe von Glockentürmen usw.

 

KNA: Dort gab es erst in der vergangenen Woche wieder Ausschreitungen gegen Christen.

 

Oehring: Gerade das sollte Regierungsstellen zurückhaltend machen. Man könnte ihnen ja die Ausschreitungen gegen Christen sofort vorhalten. Wer im Glashaus sitzt, muss nicht unbedingt mit Steinen werfen. Was die Straße aus dem Schweizer Minarettverbot macht, ist freilich eine andere Frage. Man darf hoffen, dass es so ruhig bleibt, wie es bislang ist. Einen Vergleich zum Karikaturenstreit halte ich für unzulässig. Die Beleidigung des Propheten hat schließlich eine ganz andere Qualität.

 

KNA: Rechnen Sie mit Auswirkungen auf konkrete Bemühungen um Religionsfreiheit für Christen im Nahen Osten und in arabischen Ländern, etwa die Bemühungen um eine katholische Kirche im türkischen Tarsus?

 

Oehring: Was die Türkei betrifft: Schlechter kann es dort nicht werden. Direkte Auswirkungen von staatlicher Seite muss man nicht unmittelbar erwarten. Es bewegt sich dort eh seit langem nichts. Die Kirchen haben keinen Status, Tarsus ist kein Thema. Daran wird sich auch durch das Votum in der Schweiz nichts ändern. In den anderen islamischen Ländern gibt es Religionsfreiheit in dem Sinne, wie wir sie verstehen, nirgends. Höchstens gibt es Gottesdienstfreiheit, etwa in Syrien, Libanon, Ägypten. In anderen Ländern, etwa Saudi-Arabien, träumt man ohnehin nur davon. Die Lage ist also tendenziell überall eh schon schlecht genug.

 

KNA: Aber durch die Schweizer Entscheidung könnte doch nun auch der Westen argumentativ in die Defensive geraten.

 

Oehring: Dieses Problem hat man natürlich auf der Straße - bei uns würde man sagen am Stammtisch - immer. Die Frage ist , inwieweit die Regierungen in diesen Ländern - auch in der Türkei - bereit sind, der Straße freien Lauf zu lassen. Oder inwieweit die Straße von den Behörden entsprechend gelenkt oder auch gehindert wird, sich zu äußern. Bestimmte Regierungen können, wenn sie wollen, verhindern, dass es Ausschreitungen gibt. Oder sie verhindern es aus bestimmten Gründen eben nicht. Das könnte etwa in Libyen der Fall sein. Dort wird sich vor allem auch die Frage stellen, was mit den beiden Schweizer Geiseln geschieht, die immer noch in Haft sind. Die werden jetzt wahrscheinlich so schnell nicht freikommen.

 

KNA: Ein Blick zurück nach Europa. Erwarten Sie einen Rutschbahneffekt auch für andere westliche Länder? „Spiegel online“ hatte beispielsweise schon direkt nach dem Votum eine eigene Online- Umfrage geschaltet: „Sollen Minarette auch in Deutschland verboten werden?“

 

Oehring: Zumindest ist zu befürchten, dass rechtslastige Gruppierungen das zu ihrem Thema machen. Der Front National in Frankreich, die niederländischen und belgischen Rechtsradikalen und die Lega Nord in Italien sehen das Votum aus der Schweiz natürlich sehr positiv. Auch in Deutschland dürfte es Gruppierungen am äußerst rechten Rand geben, denen dieses Votum gefällt. Eine schwierige Frage ist, wie das in der Bevölkerung insgesamt aussieht. Ich würde meine Hand nicht dafür ins Feuer legen wollen, dass bei einem entsprechenden Referendum in Deutschland nicht ein ähnliches Ergebnis herauskäme.

 

KNA: Ein beunruhigender Befund?

 

Oehring: Eigentlich sehe ich die Debatte in Deutschland auf einem guten Weg. Freilich gibt es natürlich auch hier islamische Gruppierungen, deren Demokratiefähigkeit und -willigkeit zu hinterfragen ist. Dazu zählt sicher auch der große Verband DITIB mit seiner Rückkoppelung in die Türkei. Wenn aber deren Verhältnis zu unserer Rechtsordnung und zu den staatlichen Institutionen möglichst bald geklärt werden kann, nimmt man natürlich all jenen, die den Islam pauschal als eine große Gefahr beschreiben, den Wind aus den Segeln.

 

KNA: Die Strategie der deutschen Politik muss also sein, weiter im Dialog mit den islamischen Verbänden zu bleiben.

 

Oehring: Ja - dabei darf sie nicht im Sinne einer Leitkultur argumentieren, muss aber die Rechtsgrundsätze der Bundesrepublik Deutschland deutlich machen. Dazu gehört nach dem Grundgesetz auch die Religionsfreiheit. Diese Religionsfreiheit bietet auch den islamischen Gruppierungen in Deutschland die Möglichkeit, Moscheen zu bauen. Die Debatten etwa um die Kölner Moschee oder die Beispiele Duisburg-Marxloh und Aachen zeigen, dass es eine ganz neue Qualität der Zusammenarbeit zwischen den Behörden und der islamischen Bevölkerung gibt. Das trägt hoffentlich dazu bei, dass die Moscheen aus den Hinterhöfen und den Fabrikgeländen herauskommen und mehr ins Blickfeld geraten. Dadurch wird der Islam insgesamt sichtbarer. Das mag manchen erschrecken. Es gibt aber keinen Grund, nur deshalb diffuse Angstgefühle gegenüber dem Islam zu entwickeln.

 

KNA: Viele stoßen sich in der Debatte ja an der Größe von Minaretten und einem damit verbundenen Machtanspruch.

 

Oehring: Natürlich muss man den islamischen Verbänden sagen, dass es keinen Wettstreit geben darf, wer das größere Gotteshaus hat. Jeder sollte sich maßvoll an den tatsächlichen Erfordernissen orientieren. Die Kirchen haben in der Vergangenheit auch große Gebäude gebaut, die sie heute teilweise leider nicht mehr brauchen. Der Islam baut manchmal heute noch zu groß; das führt zu gewissen Ängsten. Wenn jeder mit einer gewissen Prise Vernunft an dieses Thema herangeht, ist das für alle Seiten besser.


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