Wie kann Integration gelingen?

„Paulinus“-Expertengespräch: Die größten Herausforderungen liegen im Bildungsbereich – Beide Seiten müssen sich bewegen In Deutschland leben derzeit 6,74 Millionen Menschen mit ausländischer Staatsbürgerschaft. Viele der Ausländer sind gut integriert, doch andere sind weit davon entfernt, am gesellschaftlichen Leben mit allem was dazugehört, teilzunehmen. Wo hapert es? Woran müssen – beide Seiten – noch arbeiten? Darüber sprach „Paulinus“-Redakteurin Eva-Maria Werner mit zwei Fachleuten der Christlich-islamischen Begegnungs- und Dokumentationsstelle (CIBEDO) der deutschen Bischofskonferenz.
Die Verschärfung des Zuwanderungsrechts, die Debatte um ausländische Straftäter sowie das Misstrauen nach dem Brand in Ludwigshafen haben das Verhältnis zwischen Deutschen und Türken wieder zur Sprache gebracht. Worte wie Assimilation und Integration tauchen auf wie schon vor zehn Jahren. Hat sich nichts getan?
Hünseler: Doch, und zwar eine Menge. Damals bestritt die Politik heftig, Deutschland sei ein Einwanderungsland. Man ging davon aus, dass die „Gastarbeiter“ wieder zurück in ihre Länder gehen. Doch es kam anders. Heute haben wir Moscheen, islamischen Religionsunterricht und die Islamkonferenz. Das sind große Fortschritte und Zeichen für eine Integration, aber in den Köpfen der Menschen, sowohl der Muslime als auch der Deutschen, ist diese Integration noch nicht angekommen.
Wie stehen Sie zu Erdogans Forderung nach türkischsprachigen Bildungseinrichtungen?
Hünseler: Das ist die falsche Richtung, und man muss das auch nicht länger diskutieren.
Wie können Menschen unterschiedlicher Kulturen gemeinsam ihr Leben gestalten? Heißt das Zauberwort „Integration“ oder eher „Koexistenz“?
Hünseler: Das Zauberwort heißt „Integration“, auf keinen Fall „Koexistenz“. Denn das würde bedeuten, dass es große Segmente gibt, die abgeschottet vom Rest der Gesellschaft leben. Integration bedeutet, dass die Menschen verschiedene Religionen und Ansichten haben können, aber dass es einen gemeinsamen Kern von Überzeugungen gibt, der die Gesellschaft zusammenhält.
Geht das, die eigene kulturelle Identität wahren und sich gleichzeitig an eine andere Gesellschaft anpassen, indem ich ihr Grundgesetz, ihre Verfassung akzeptiere?
Güzelmansur: Jawohl, das geht. Akzeptanz dieser beiden Prinzipien ist der Grundsatz für ein friedliches Zusammenleben aller multikulturellen Gesellschaften. In Deutschland wird niemand gezwungen, seine kulturelle Identität aufzugeben. Der aus Syrien stammende Professor Bassam Tibi warnt vor einer falsch verstandenen Toleranz im Umgang mit dem Islam. Er fordert einen Euro-Islam, der bedingungslos Grundgesetz und Verfassungen der europäischen Länder akzeptiert.
Ihre Meinung dazu?
Hünseler: Ich teile seine Meinung uneingeschränkt. Wer eine Richtung des Islam leben möchte, die gegen Teile der Werte unseres Grundgesetzes verstoßen, sollte sich überlegen, ob Deutschland der richtige Platz für ihn ist.
Wie kann der Teufelskreis durchbrochen werden, in dem viele Muslime leben (Arbeitslosigkeit, Armut, Ausgrenzung)?
Hünseler: Migranten müssen Deutsch lernen und den Mut haben, in die Gesellschaft hineinzugehen, in die Politik, in die Parteien und Vereine. Sie müssen in den deutschen Fußballverein eintreten, nicht in den türkischen.
Güzelmansur: 1999 kam ich ohne Sprachkenntnisse nach Deutschland. Seit dem ersten Tag ist mir bewusst geworden, wie wichtig die Sprache ist, um am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Ich habe Deutsch gelernt, ein Studium absolviert. Mein Rat an die jungen Migranten: Lernt Deutsch und nehmt Bildungsmöglichkeiten in Anspruch!
Inwieweit müssen auch wir uns bewegen?
Hünseler: Die Mehrheitsgesellschaft muss die Muslime aufnehmen, ihnen Mut machen und zeigen, dass wir es als Bereicherung sehen, wenn sie uns ihre Kultur zeigen. Wir können den positiven Beitrag, den sie für die Gesellschaft leisten, ruhig einmal anerkennen. Mut und emotionale Großzügigkeit gehören dazu.
Wie viel Integration ist möglich?
Hünseler: Deutschland gehört zu den Ländern mit der größten sozialen Sicherheit, einer gesicherten Meinungs- und Pressefreiheit, großem Wohlstand. In ein solches Land sollte man sich mit Haut und Haaren integrieren, weil es auch viel für seine Mitbürger tut.
Wie viel „äußere Zeichen“ (Kopftuch, Moschee) des Islams „verträgt“ die deutsche Gesellschaft?
Güzelmansur: Sie verträgt mehr oder weniger genauso viel „äußere Zeichen“ des Islams wie vom Christentum. Solange diese Zeichen religiös sind und nicht politisch instrumentalisiert werden. Misstrauen, Hass und Angst entstehen häufig aus mangelndem Wissen.
Was muss sich ändern?
Hünseler: Wir müssen natürlich mehr übereinander wissen. Das gilt vor allem für die Religionen. In der katholischen Kirche werden viele Informationsveranstaltungen angeboten. Die muslimischen Einrichtungen könnten auf diesem Gebet mehr tun. Muslime meinen häufig, genug vom Christentum aus dem Koran zu kennen. Aber das ist ein Trugschluss, und gefährlich.
Wer kann auf muslimischer Seite Ansprechpartner sein?
Güzelmansur: Es gibt Moscheenvereine, Dachverbände, „Koordinierungsrat der Muslime“ und etliche säkulare Organisationen. Der Koordinierungsrat hat den Anspruch, für alle in Deutschland lebenden Muslime zu sprechen. Allerdings sind nur 20 Prozent in Verbänden organisiert. Aufgrund dieser Tatsache gibt es eine ganze Reihe von Ansprechpartnern.
Was sind die Herausforderungen der Zukunft?
Hünseler: Die größte Herausforderung liegt im Bildungsbereich. Wir müssen erreichen, dass alle Jugendlichen einen Schulabschluss, eine Ausbildung machen.

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