Leitlinien für das Gebet bei Treffen von Christen, Juden und Muslimen

Teil VI: Anhang
1. Der Weltgebetstag der Religionen für den Frieden 1986 von Assisi als Modell religiöser Begegnungen
Sein Glaube an die Frieden stiftende Kraft des Gebetes und die gnädige Zuwendung Gottes an alle Menschen hatte Papst Johannes Paul II. veranlasst, am 27. Oktober 1986 Repräsentanten aller Religionen zu einem Gebetstreffen unter der Devise „Zusammensein, um zu beten“ nach Assisi einzuladen.
Das Treffen hatte die Form eines Pilgerwegs mit drei Stationen. Die erste Station war an der Basilika „Santa Maria degli Angeli“ unterhalb von Assisi. Dort sammelten sich die Teilnehmer zur Begrüßung. Der gemeinsame Pilgerweg führte dann nach Assisi hinauf. Die zweite Station bildeten unterschiedliche Orte in der Stadt Assisi, wo die Teilnehmer aus den einzelnen Religionen jeweils für sich entsprechend ihrer Tradition Gottesdienst feierten. Zur dritten Station fanden sich alle auf dem Vorplatz der Franziskus-Basilika zusammen. Nach einer Einführung durch Roger Kardinal Etchegaray sprachen die Vertreter der verschiedenen Religionen nacheinander in der Öffentlichkeit Gebete für den Frieden. Buddhisten, Hindus, Jainas, Muslime, Shintoisten, Sikhs, die Vertreter traditioneller Religionen Afrikas und Nordamerikas, die Parsen und schließlich die Juden traten nacheinander vor. Die Christen gestalteten mit Evangeliumslesung (Lk 6,20–31), Fürbitten, Vaterunser und einer Verpflichtungserklärung für den Frieden den Schluss. Nach jedem Gebet hielt man eine Zeit der Stille. Zur Erinnerung wurde allen Teilnehmern ein kleiner Ölbaum als Symbol des Friedens überreicht.
Schon in der Einladung zum Treffen der Religionen in Assisi hatte Papst Johannes Paul II. die Absicht geäußert, „eine Welt- gebetsbewegung für den Frieden ins Leben zu rufen, die über die Grenzen der einzelnen Nationen hinweg die Gläubigen aller Religionen einbezieht und die ganze Erde umfassen soll“.(43) Da-mit übereinstimmend gewann das Ereignis von Assisi den Charakter eines Modells, an dem sich andere Begegnungen im Rahmen des interreligiösen Dialogs orientieren konnten. Als typisch erschien dabei der Verzicht auf ein gemeinsam gesprochenes Gebet, um die unterschiedlichen Gottesvorstellungen zu respektieren. Der tragende Gedanke war das gemeinsame Anliegen des Friedens, um der Weltöffentlichkeit die tiefere Zusammengehörigkeit der Menschheit in der einen und einzigen Heilsgeschichte Gottes mit allen Menschen guten Willens, wie sie der christlichen Überzeugung entspricht, zu dokumentieren.
Die 1968 in Rom gegründete internationale Laiengemeinschaft Sant’Egidio übernahm die Aufgabe, regelmäßige Folgetreffen zu veranstalten, welche die Idee und das Anliegen von Assisi fortsetzen sollten.(44) Ausgangspunkt ist die Überzeugung, dass jede Religion zutiefst vom Geschenk des Friedens durch Gott und von der Hoffnung auf seine Verwirklichung durch die Menschen geprägt ist. Dabei gilt die Vorstellung, dass die Religionen sich umso näher kommen, je mehr sie die Tiefe der eigenen Tradition entdecken, darin Gott nahe kommen und zum Frieden finden.
Das Grundprinzip von Assisi, in Eintracht zusammenzukommen, um in der jeweiligen Tradition für den Frieden zu beten, wird übernommen. Um jede synkretistische Vermischung zu vermeiden, verzichten wie in Assisi die Vertreter der einzelnen Religionen auf gemeinsam gesprochene Gebete. Darüber hinaus entfallen die öffentlichen Gebete der einzelnen Religionsvertreter, wie sie 1986 in Assisi zugelassen worden waren.
Die Treffen in der Verantwortung von Sant’Egidio beginnen mit Konferenzen der Repräsentanten der Religionen, zu denen auch Politiker, Vertreter aus Gesellschaft und Kultur eingeladen werden. Die Themen beinhalten Fragen des Friedens, der Menschenrechte und des Zusammenlebens der Völker und Religionen. Zum Abschluss findet ein Tag des Gebetes statt. Zunächst treffen sich die Religionsvertreter zur selben Zeit an verschiedenen Orten und halten Gebetsversammlungen in ihren Traditionen, wobei das gemeinsame Thema der Frieden in der Welt ist. Danach kommen alle in einer stillen Prozession auf einen öffentlichen Platz, wo die Schlusszeremonie ohne öffentliche Gebete stattfindet. Dabei werden Resolutionen und Grußworte verlesen, ein gemeinsamer Friedensaufruf unterzeichnet, Kerzen am Friedensleuchter angezündet und in einer Schweigeminute der Opfer aller Gewalt und Kriege gedacht. Am Schluss steht der Austausch eines geeigneten Friedensgrußes.
Es gibt also zwei Formen der multireligiösen Feier nach dem Modell von Assisi. Die ältere Form von 1986 veranschaulicht mit öffentlichen Gebetselementen die Hinwendung aller Teilnehmer zu Gott und setzt Toleranz gegenüber nichtchristlichem religiösem Brauchtum voraus.
Die jüngere Form der Nachfolgetreffen vermeidet durch den Verzicht auf öffentliche Gebete negative Emotionen durch die Konfrontation mit fremdartigen Riten und Texten. Die positiven Erfahrungen, die in den vergangenen Jahren von Assisi 1986 ausgegangen sind, belegen, dass alle großen Weltreligionen dieses Modell annehmen können, in dem die Unterschiede der religiösen Traditionen respektiert und gleichzeitig das gemeinsame Engagement für den Frieden hervorgehoben wird.
(43) Johannes Paul II.: Zum Gebetstag nach Assisi eingeladen. Predigt des Papstes beim Gottesdienst zum Abschluss der Weltgebetswoche für die Einheit der Christen in der Basilika St. Paul vor den Mauern am 25. Januar 1986.
(44) Vgl. Weltreligionen für den Frieden. Die Internationalen Friedenstreffen von Sant’Egidio, 15–20.
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Entnommen aus der Arbeitshilfe Nr.170 (2. Aufl.) des Sekretariats der Deutschen Bischofskonferenz "Leitlinien für das Gebet bei Treffen von Christen, Juden und Muslimen" vom 24. Juni 2008.
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