Helmut Schmidt ruft zum Dialog mit Muslimen auf

KNA 04.05.2011
Hamburg (KNA) Altbundeskanzler Helmut Schmidt hat vor einem Zusammenprall muslimischer und christlich geprägter Kulturen gewarnt. Ein Grund dafür sei, dass den Menschen in westlichen Gesellschaften wie Deutschland jahrzehntelang beigebracht worden sei, auf Muslime herabzuschauen, sagte der SPD-Politiker in der ARD-Sendung „Beckmann“ am Montagabend in Hamburg.
Daher sei ein Dialog mit dem Islam dringend erforderlich. Diese Überzeugung setze sich inzwischen auch im Vatikan durch, sagte Schmidt. Wünschenswert sei, dass nicht nur die obersten Verantwortlichen der Kirche, sondern „jeder Priester, jeder Pastor“ vor Ort das Gespräch mit den muslimischen Nachbarn suche.
Global gesehen seien islamisch dominierte Gesellschaften zumeist ärmer, aber auch deutlich jünger und im Gegensatz zur westlichen Welt auf Wachstumskurs. „Es gibt mindestens 1,3 Milliarden Muslime auf der Welt, rund 50 Staaten sind muslimisch geprägt. Es wäre ein Wunder, wenn es nicht auf die eine oder andere Weise zu einem Zusammenwirken dieser Staaten käme“, sagte der Politiker. Er bedauerte, es sei viel zu wenig bekannt, dass Juden wie auch Christen und Muslime im Grunde die gleichen Grundwerte und Gebote hätten. Dies sollte an deutschen Schulen deutlicher vermittelt werden, um das Verständnis zwischen den Religionen zu verbessern.
Über seine eigene religiöse Haltung berichtete der evangelische Christ, er habe als Soldat im Krieg gelegentlich gebetet, doch könne er inzwischen nicht mehr an die Gerechtigkeit Gottes glauben, weil dieser zu viele Grausamkeiten zugelassen habe. Er und seine im Oktober gestorbene Frau Loki hätten 1942 kirchlich geheiratet, weil sie die Hoffnung gehabt hätten, dass die Kirchen nach dem Krieg für einen gesellschaftlichen Neuanfang mit Anstand und Grundwerten sorgen würden. „Später haben wir gemerkt, dass die Kirchen darauf innerlich nicht vorbereitet waren“, sagte der 92-Jährige. In die Kirche ziehe es ihn vor allem wegen der Kirchenmusik. Besonders schätze er Gregorianischen Gesang und die Musik Johann Sebastian Bachs. „Am liebsten ist es mir, wenn seine Kantaten und Passionen auf Latein gesungen werden, weil ich den Text dann nicht verstehe“, sagte der Altkanzler.
Der Nahost-Experte Peter Scholl-Latour berichtete, dass ihm seine Zeit auf der Jesuitenschule zu einem besseren Verständnis für Anhänger des Islam verholfen habe. Muslime wie auch gläubige Katholiken praktizierten einen gewissen „Fundamentalismus“. Er selbst bete jeden Tag, und zwar auf Latein, so der 87-Jährige. Viele Gottesdienste seien ihm heute von der Form her zu schlicht. Die Kirche habe nicht verstanden, dass ein gewisser Prunk für viele Menschen anziehend sei, bedauerte der Katholik.
(KNA - llkpkn-BD-0946.42HE-1)

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