Erneut katholischer Priester in der Türkei niedergestochen

Istanbul (KNA) In der Türkei ist erneut ein katholischer Priester niedergestochen worden. Im westtürkischen Izmir verletzte ein 19-Jähriger beim Sonntagsgottesdienst den italienischen Kapuzinerpater Adriano Francini mit einem Messer. Der 65-Jährige wurde umgehend mit Bauchverletzungen ins Krankenhaus eingeliefert, schwebte aber zu keiner Zeit in Lebensgefahr. Der Angreifer verschwand zunächst im Tumult, stellte sich aber später der Polizei. Motiv für den Anschlag in der Sankt-Antons- Kirche im Stadtteil Karsiyaka soll Hass auf christliche Missionare gewesen sein. Der mutmaßliche Täter, ein Bauarbeiter aus dem westtürkischen Balikesir, habe im Polizeiverhör ausgesagt, er sei von einer Fernsehserie beeinflusst worden, in der die Tätigkeit christlicher Missionare in der Türkei thematisiert wurde, berichtete die türkische Presse am Montag.
Zeitungsberichten zufolge hatte der Festgenommene rund 15 Minuten mit Francini gesprochen und gesagt, er wolle Christ werden. Der Geistliche selbst sagte im Krankenhaus, er habe dem jungen Mann erklärt, dass er sich auf das Christentum vorbereiten und einige Bedingungen erfüllen müsse. Da habe er plötzlich ein Messer gezogen und auf ihn eingestochen. Der 19-Jährige soll seit drei Jahren regelmäßig in die Kirche gekommen und mehrfach seinen Wunsch nach der Taufe bekundet haben. Im Polizeiverhör gab er laut Zeitungsberichten zu Protokoll, er habe sich vor der Tat die für ihre nationalistischen Tendenzen bekannte TV-Serie „Tal der Wölfe“ angeschaut, in der von Missionaren die Rede gewesen sei. Die Tageszeitung „Hürriyet“ berichtete, Francini sei auf einigen Internetseiten vorgeworfen worden, ein Missionar zu sein. Christliche Missionarstätigkeit ist in der Türkei nicht verboten, wird aber besonders von militanten Rechtsnationalisten als staatszersetzend betrachtet. Serie von Gewaltverbrechen „Wieder ein Priester angegriffen - wieder ein junger mutmaßlicher Täter“, überschrieb die Zeitung „Radikal“ am Montag ihren Bericht zu dem Attentat von Izmir. Der Vorfall ist das jüngste einer ganzen Serie von Gewaltverbrechen an Christen in der Türkei in den vergangenen zwei Jahren. Im nordtürkischen Trabzon wurde im Februar 2006 der katholische Priester Andrea Santoro von einem Jugendlichen erschossen. In Istanbul wurde im Januar der armenische Journalist Hrant Dink ebenfalls von einem Jugendlichen aus Trabzon ermordet. Im April erstachen fünf junge Männer von 19 und 20 Jahren im osttürkischen Malatya drei protestantische Christen, darunter einen Deutschen. In allen Fällen handelte es sich bei den Tätern um ultranationalistisch gesonnene Jugendliche. Im nationalistischen Milieu der Türkei werden Christen oft als Agenten des Auslands dargestellt, die es auf die Unterwanderung der Türkei abgesehen haben. Im Prozess von Malatya verdichten sich zudem Hinweise auf eine Verstrickung lokaler Behörden in die Tat.
Die EU-Kommission verurteilte „auf das Schärfste die heimtückische Gewalttat“ von Izmir. Eine Kommissionssprecherin wünschte dem verletzten Ordensmann am Montag in Brüssel gute Besserung und schnellstmögliche Heilung. Der mutmaßliche Täter müsse so bald wie möglich vor Gericht gestellt und in einem rechtsstaatlichen Verfahren für seine Tat zur Rechenschaft gezogen werden. Der Apostolische Vikar von Anatolien, Luigi Padovese, vermutet hinter der Tat nationalistische Motive. Es könnte sich um einen Versuch handeln, die Türkei von Europa zu entfernen, sagte der Bischof der italienischen Tageszeitung „Il Messaggero“ (Montag). Der Anschlag gegen den Priester sei besorgniserregend und bezeichnend für ein „tiefes allgemeines Unwohlsein“. (KNA - 14904)

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