II. Vatikanisches Konzil und Vatikanische Dokumente: Katholische Kirche und nichtchristliche Religionen

Das II. Vatikanische Konzil (1962-1965) der römisch-katholischen Kirche mahnte die Katholiken,„dass sie mit Klugheit und Liebe, durch Gespräch und Zusammenarbeit mit den Bekennern anderer Religionen sowie durch ihr Zeugnis des christlichen Glaubens und Lebens jene geistlichen und sittlichen Güter und auch die sozialkulturellen Werte, die sich bei ihnen finden, anerkennen,wahren und fördern“(1).
Um diesen Dialog (2) mit den Nichtchristen zu fördern, richtete Papst Paul VI. im Jahr 1964 das Sekretariat für die Nichtchristen ein, das 1990 in Päpstlicher Rat für den Interreligiösen Dialog umbenannt wurde. Dessen Aufgabe wurde beschrieben: „Methoden und Wege suchen zur Eröffnung eines entsprechenden Dialogs mit den Nichtchristen. Es [das Sekretariat] wirkt also dahin, dass die Nichtchristen von den Christen richtig gekannt und gerecht eingeschätzt werden, und dass die Nichtchristen ihrerseits Lehre und Leben der Christen entsprechend kennen lernen und schätzen können“(3).
In den Jahren 1984 (4) und 1991 (5) – hier in Zusammenarbeit mit der Kongregation für die Evangelisierung der Völker – veröffentlichte das Dikasterium Dokumente, die die Aussagen des Konzils zur Haltung der Kirche gegenüber den Nichtchristen theologisch vertieften und – auf der Grundlage bisheriger Erfahrungen im interreligiösen Dialog – Entwürfe für die Praxis vorstellten. Und schließlich sollten Missverständnisse im Verhältnis des Dialogs zur Pflicht der Kirche, das Evangelium zu verkünden, geklärt und somit auch der Zurückhaltung gegenüber der Idee des interreligiösen Dialogs begegnet werden (6).
a. Der Ort des interreligiösen Dialogs im Auftrag der Kirche
Die vatikanischen Texte verstehen unter „Dialog“ zwischen Kirche und Religionen „alle positiven und konstruktiven interreligiösen Beziehungen mit Personen und Gemeinschaften anderen Glaubens, um sich gegenseitig zu verstehen und einander zu bereichern“(7), im Gehorsam gegenüber der Wahrheit [d.h. des eigenen Glaubens] und im Respekt vor der Freiheit [d.h. Religionsfreiheit], gegenseitige Zeugnisabgabe wie auch Entdeckung der jeweils anderen religiösen Überzeugung beinhaltend(8).
„Präsenz und Lebenszeugnis; Einsatz im Dienst an sozialer Entwicklung und menschlicher Befreiung; liturgisches Leben, Gebet und Kontemplation; interreligiöser Dialog und schließlich Verkündigung und Katechese“(9) sind die wesentlichen Elemente des Evangelisierungsauftrags – der Mission – der katholischen Kirche. Sie betrachtet also den interreligiösen Dialog als integralen Bestandteil ihrer Sendung, die als Grundlage, Zentrum und Höhepunkt die Verkündigung – die Weitergabe der Botschaft des Evangeliums – enthält, die in Predigt und Katechese mündet(10).
„Interreligiöser Dialog und Verkündigung finden sich zwar nicht auf derselben Ebene, sind aber doch beide authentische Elemente des kirchlichen Evangelisierungsauftrags“(11).
Wie die Kirche ihren Auftrag der Mission erfüllt – ob in Dialog oder Verkündigung – hängt ab von den Umständen am Ort(12). Der Dialog kann die einzige Möglichkeit sein, vom christlichen Glauben Zeugnis abzulegen(13).
b. Die katholische Haltung gegenüber anderen Religionen
Unter Aneignung von Sicht und Terminologie früher Kirchenväter lehrt das II. Vatikanische Konzil, dass die anderen Religionen „nicht selten einen Strahl jener Wahrheit erkennen lassen, die alle Menschen erleuchtet“(14); es erkennt in ihnen „Saatkörner des Wortes“ an und verweist auf die „Reichtümer, die der freigebige Gott unter den Völkern verteilt hat“(15).
Das Konzil würdigt ganz offensichtlich positive Werte nicht nur im religiösen Leben einzelner Gläubiger dieser Religionen, sondern auch in den religiösen Traditionen selbst; es leitet diese Werte aus der tätigen Gegenwart Gottes ab und weist auf das universale – nicht allein auf die Kirche beschränkte – Handeln des Heiligen Geistes im Leben der Mitglieder anderer religiöser Traditionen hin(16).
Johannes Paul II. führte diese Gedanken fort und sprach in der Enzyklika Redemptor hominis vom „festen Glauben“ von Nichtchristen als einer „Wirkung des Geistes der Wahrheit, der über die sichtbaren Grenzen des mystischen Leibes [d.i. die Kirche] hinaus wirksam ist“(17).
In seiner Enzyklika Dominum et vivificantem unterstrich der Papst die Tatsache des universalen Handelns des Geistes in der Welt vor jedem christlichen Zeugnis und erinnerte an das Wirken dieses Geistes heute, selbst außerhalb des sichtbaren Leibes der Kirche(18).
c. Hinordnung der Religionen auf die Kirche
Die Anhänger anderer Religionen sind auf die Kirche als das „allumfassende Heilssakrament“(19), das „zum Heil notwendig“(20) ist, hingeordnet(21). Sie antworten immer dann positiv auf Gottes Einladung und empfangen sein Heil in Jesus Christus, wenn sie in ehrlicher Weise das in ihren religiösen Traditionen enthaltene Gute in die Tat umsetzen und dem Spruch ihres Gewissens folgen; das gilt also auch für den Fall, dass Jesus Christus nicht als Erlöser anerkannt wird(22).
Denn die gesamte Menschheit bildet aufgrund ihres gemeinsamen Ursprungs eine Familie(23) unter einem göttlichen Heilsplan, dessen Zentrum Jesus Christus ist, der sich in seiner „Menschwerdung gewissermaßen mit jedem Menschen vereinigt“(24) hat.
„Gott schenkte und schenkt weiterhin in einem Jahrhunderte währenden Dialog der Menschheit sein Heil. Im gläubigen Vertrauen auf das göttliche Handeln muss auch die Kirche in den Heilsdialog mit allen Menschen eintreten“(25).
Somit ist die Grundlage des Beitrags der Kirche zum interreligiösen Dialog nicht allein und in erster Linie anthropologischer, sondern theologischer Art(26).
d. Formen des Dialogs
Die einschlägigen vatikanischen Dokumente sprechen von vier Formen des interreligiösen Dialogs(27). Das sind:
a) Der Dialog des Lebens, in dem Menschen in einer offenen und nachbarschaftlichen Atmosphäre zusammenleben wollen, indem sie Freude und Leid, ihre menschlichen Probleme und Beschwernisse miteinander teilen.
b) Der Dialog des Handelns, in dem Christen und Nichtchristen für eine umfassende Entwicklung und Befreiung der Menschen zusammenarbeiten.
c) Der Dialog des theologischen Austauschs, in dem Spezialisten ihr Verständnis ihres jeweiligen religiösen Erbes vertiefen und die gegenseitigen Werte zu schätzen lernen.
d) Der Dialog der religiösen Erfahrung, in dem Menschen, die in ihrer eigenen religiösen Tradition verwurzelt sind, ihren spirituellen Reichtum teilen, z.B. was Gebet und Betrachtung, Glaube und Suche nach Gott oder dem Absoluten angeht.
Diese Formen können miteinander verknüpft sein, eine Einschränkung auf den theologischen Austausch allein soll vermieden werden. Der Dialog soll der umfassenden Entwicklung, der sozialen Gerechtigkeit und der Befreiung des Menschen dienen; er soll auch darauf abzielen, Spannungen und Konflikte abzubauen und mögliche Auseinandersetzungen durch ein besseres Verständnis unter den verschiedenen religiösen Kulturen eines Gebietes zu verhindern(28).
Die Voraussetzung(29) für den interreligiösen Dialog ist weder eine zu arglose noch eine zu kritische, sondern eine offene und aufnahmebereite Haltung, sind Selbstlosigkeit, Unparteilichkeit, Bereitschaft zur Annahme von Unterschieden und möglichen Widersprüchen. Zudem bedeutet Aufrichtigkeit im interreligiösen Dialog, dem Andersgläubigen mit der ganzen Integrität des eigenen Glaubens zu begegnen – mit dem Glauben, dass in Jesus Christus, dem einzigen Mittler zwischen Gott und Mensch, die Offenbarung erfüllt ist. Gleichwohl gilt, dass sich Gott in gewisser Weise auch den Anhängern anderer religiöser Traditionen zeigt. Deshalb ist es erforderlich, sich den Überzeugungen und Werten anderer Menschen mit aufnahmebereitem Sinn zu nähern.
e. Geistliche Erträge des Dialogs
Die in Jesus Christus geschenkte Fülle der Wahrheit gibt nicht jedem einzelnen Christen die Garantie, in ihrem Vollbesitz zu sein. So kann der Dialog Christen dazu bewegen, verwurzelte Vorurteile abzubauen, vorgefasste Meinungen zu revidieren und manchmal sogar einer Läuterung des eigenen Glaubensverständnisses zuzustimmen(30).
Offenheit und das Zulassen einer Prüfung des eigenen Glaubens im Dialog kann Christen mit der Entdeckung beschenken, „dass sich Gottes Handeln durch Jesus Christus in seinem Geist vollendet und noch fortfährt, sich in der Welt und innerhalb der gesamten Menschheit zu vollenden.
Weit davon entfernt, ihren eigenen Glauben zu schwächen, wird der echte Dialog ihn vielmehr vertiefen. Sie werden ihre christliche Identität immer mehr verstehen und die unterscheidenden Merkmale der christlichen Botschaft immer klarer wahrnehmen. Ihr Glaube wird neue Dimensionen dazu gewinnen, sobald sie nur die wirkmächtige Gegenwart des Geheimnisses Jesu Christi jenseits der sichtbaren Grenzen der Kirche und der christlichen Gemeinschaft entdecken“(31).
So hat der interreligiöse Dialog nicht nur gegenseitiges Verständnis und freundschaftliche Beziehungen zum Ziel. Er erreicht vielmehr die viel tiefere Ebene des Geistes, auf der Austausch und Teilhabe im gegenseitigen Glaubenszeugnis und in der gemeinsamen Erforschung der jeweiligen religiösen Überzeugung bestehen – sind hier doch Christen und Nichtchristen eingeladen, ihren religiösen Einsatz zu vertiefen und mit zunehmender Ernsthaftigkeit auf Gottes persönlichen Anruf und seine gnadenvolle Selbsthingabe zu antworten, die sich nach unserem Glauben durch die Vermittlung Jesu Christi und das Werk des Geistes ereignet(32).
f. Papst Benedikt XVI. und der Dialog der Religionen
Papst Johannes Paul II. nahm in Enzykliken, Ansprachen und Unternehmungen den Dialog mit den Religionen sehr ernst. In seine Amtszeit fiel die Veröffentlichung der Dokumente „Die Haltung der Kirche gegenüber den anderen Religionen“ (1984) und „Dialog und Verkündigung“ (1991) des Vatikans. Und weiterhin fördert der Päpstliche Rat für den Interreligiösen Dialog in Veröffentlichungen und Veranstaltungen das fruchtbare Gespräch zwischen den Religionen.
In seiner ersten Predigt unmittelbar nach seiner Wahl zum Nachfolger Papst Johannes Pauls II. trug Papst Benedikt XVI. während der Eucharistiefeier mit den wahlberechtigten Kardinälen in der Sixtinischen Kapelle vor:
„[Ich wende] mich an alle, auch an diejenigen, die anderen Religionen angehören oder die einfach eine Antwort auf die Grundfrage des Daseins suchen und sie noch nicht gefunden haben. An alle wende ich mich in Einfachheit und Liebe, um sie dessen zu vergewissern, dass die Kirche mit ihnen weiterhin einen offenen und aufrichtigen Dialog pflegen will in der Suche nach dem wahren Guten des Menschen und der Gesellschaft.“
Und weiter:
„Ich erbitte von Gott die Einheit und den Frieden für die Menschheitsgeschichte und erkläre die Bereitschaft aller Katholiken, für eine wahre gesellschaftliche Entwicklung zusammenzuarbeiten, die die Würde jedes Menschen achtet.“
Schließlich:
„Ich werde weder an Kräften noch an Hingabe sparen, um den verheißungsvollen Dialog fortzusetzen, der von meinen verehrungswürdigen Vorgängern mit den verschiedenen Kulturen angeknüpft wurde, denn aus dem gegenseitigen Verständnis erwachsen die Bedingungen
für eine Zukunft aller“.(33)
Und binnen einer Woche nach seiner Wahl unterstrich Papst Benedikt XVI. im Rahmen einer Audienz für eine Delegation von Vertretern verschiedener Kirchen und kirchlicher Gemeinschaften sowie anderer religiöser Traditionen am 25. April 2005:
„Besonders dankbar bin ich, dass Mitglieder der muslimischen Gemeinschaft unter Ihnen anwesend sind, und ich bekunde meine Anerkennung für die Entfaltung des Dialogs zwischen Moslems und Christen, sowohl auf lokaler als auch auf internationaler Ebene. Ich sicher Ihnen zu, dass die Kirche auch weiterhin Brücken der Freundschaft mit den Anhängern aller Religionen bauen will, um das wahre Wohl jedes Menschen und der ganzen Gesellschaft zu suchen“.(34)
Im Rahmen des Weltjugendtages 2005 in Köln betonte der Papst in einer Ansprache während der Begegnung mit Vertretern einiger muslimischer Gemeinschaften:
„Gemeinsam müssen wir – Christen und Muslime – uns den zahlreichen Herausforderungen stellen, die unsere Zeit uns aufgibt. Für Apathie und Untätigkeit ist kein Platz und noch weniger für Parteilichkeit und Sektentum [...] Der interreligiöse und interkulturelle Dialog zwischen Christen und Muslimen darf nicht auf eine Saisonentscheidung reduziert werden. Tatsächlich ist er eine vitale Notwendigkeit, von der zum großen Teil unsere Zukunft abhängt.“
Und der Papst schloss:
„Der Gott des Friedens erhebe unsere Herzen, nähre unsere Hoffnung und leite unsere Schritte auf denStraßen der Welt.“(35)
(1) II. Vatikanisches Konzil, Nostra aetate, 2.; im folgenden abgekürzt mit Na.
(2) Würdigung des Begriffs in: Paul VI., Enzyklika Ecclesiam suam.
(3) Paul VI., Konstitution Regimini Ecclesia.
(4) Sekretariat für die Nichtchristen, Die Haltung der Kirche gegenüber den anderen Religionen. Gedanken und Weisungen über Dialog und Mission, 1984; im folgenden abgekürzt mit DM.
(5) Päpstlicher Rat für den Interreligiösen Dialog / Kongregation für die Evangelisierung der Völker, Dialog und Verkündigung. Überlegungen zum Interreligiösen Dialog und zur Verkündigung des Evangeliums Jesu Christi, 1991; im folgenden abgekürzt mit DV.
(6) vgl. DV, 4.
(7) DV, 9.; vgl. DM, 3.
(8) vgl. DV, 9.
(9) DV, 2.; dort zitiert nach DM.
(10) vgl. DV, 10.
(11) DV, 77., siehe auch Insegnamenti di Giovanni Paolo II., Vol. IX, 2, 1986.
(12) 2 DV, 78.
(13) vgl. Johannes Paul II., Enzyklika Redemptoris missio, 57.
(14) 4 Na, 2.
(15) II. Vatikanisches Konzil, Ad gentes, 11.
(16) vgl. DV, 17. – Dem Judentum weist die katholische Kirche eine Sonderstellung zu.
(17) Johannes Paul II., Enzyklika Redemptor hominis, 6.
(18) vgl. Johannes Paul II., Enzyklika Dominum et vivificantem, 53.
(19) II. Vatikanisches Konzil, Lumen gentium, 48.
(20) ebd., 14.
(21) 6 vgl. ebd., 16.
(22) vgl. DV, 29.; Ad gentes, 3., 9., 11.
(23) 2 vgl. DV, 28.
(24) DV, 28., unter Bezug auf Redemptor hominis, 13., Gaudium et spes, 22., 2.
(25) DV, 38.
(26) vgl. ebd.
(27) vgl. DM, 28.-35.; aufgegriffen in DV, 42. ff.
(28) vgl. DV, 43.-46.
(29) vgl. zu folgendem DV, 47.-48.
(30) vgl. DV, 49.
(31) DV, 50.
(32) vgl. DV, 40.
(33) Der Anfang. Papst Benedikt XVI. – Josef Ratzinger. Predigten und Ansprachen April/Mai 2005, Verlautbarungen des Apostolischen Stuhls 168, S. 25 f.
(34) ebd., S. 39.
(35) Predigten, Ansprachen und Grußworte im Rahmen der Apostolischen Reise von Papst Benedikt XVI. nach Köln anlässlich des XX. Weltjugendtages, Verlautbarungen des Apostolischen Stuhls 169, S. 76-77.
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Wir bedanken uns für die freundliche Genehmigung beim Erzbischöflichen Generalvikariat Köln, Hauptabteilung Seelsorge als Herausgeber der Schrift "Katholisch-islamische Ehen. Eine Handreichung. 3. überarb. Aufl. 2006."
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