Die nigerianische Gruppe Boko Haram und ihre Geschichte

KNA 20.06.2012
Erfolgsmodell Terror
Die nigerianische Gruppe Boko Haram und ihre Geschichte
Von Katrin Gänsler (KNA)
Abuja (KNA) So sehr Boko Haram in Nigeria in aller Munde ist - selbst im Ursprungsland der islamis-tischen Terrorgruppe liegt über ihre Struktur vieles im Dunkeln. Klar ist nur: Seit mehr als einem Jahr ist die Bewegung, die sich den Kampf gegen das westliche Kultursystem auf die Fahne geschrieben hat, das größte Sicherheitsrisiko im Land. Mit drei Anschlägen auf Kirchen im Bundesstaat Kaduna trat sie am Wochenende eine neuerliche Welle der Gewalt los.
Radikale muslimische Gruppierungen gibt es im Norden Nigerias seit der Kolonialzeit. Der Islam brei-tete sich ab dem 11. Jahrhundert in der Region aus. Als britische Kolonialherren und christliche Mis-sionare kamen, versuchten Muslime den Widerstand: Unter anderem lehnten sie ab, ihre Kinder in nach westlichem Muster organisierte Schulen zu schicken. Traurige Bekanntheit erlangte Ende der 1970er Jahre die Maitatsine-Bewegung. Gegründet von dem charismatischen Prediger Mohammed Marwa, lieferten sich deren Anhänger bis in die 80er vor allem in der Millionenstadt Kano erbitterte Kämpfe mit staatlichen Sicherheitskräften. Bis Polizei und Militär die Gruppe schließlich in die Knie zwangen, sollen mehr als 8.500 Menschen ums Leben gekommen sein. Parallelen zu Boko Haram gibt es durchaus. Maitatsine lehnte ebenfalls westliche Bildung ab, ihre Mitglieder rekrutierte sie vor-wiegend aus der armen Bevölkerung. Doch im Unterschied zu Boko Haram wusste man, in welchen Stadtvierteln Maitatsine-Mitglieder lebten; teils waren ihre Häuser und Familien bekannt.
Was hingegen den Kampf gegen Boko Haram so schwierig macht, ist, dass die Gruppe schwer zu fassen ist. Schon ein genaues Gründungsdatum fehlt. Viele gehen davon aus, dass sich Boko Haram 2002 formierte. Der als begeisternder Prediger beschriebene Mohammed Yusuf trat anfangs in der nordostnigerianischen Stadt Maiduguri auf, kritisierte die nigerianische Regierung und scharte Mit-glieder um sich. Auch aus weniger radikalen Kreisen sollen ihm Sympathien zugeflogen sein. Das änderte sich schlagartig, als Boko Haram im Juli 2009 eine blutige Schlacht mit Sicherheitskräften führte. Nigerias Regierung wollte die Gruppe zerschlagen. Doch das misslang gründlich: Zwar kamen viele Mitglieder ums Leben, unter ihnen auch Yusuf selbst. Immer wieder wurde spekuliert, dass es sich dabei um eine außergerichtliche Hinrichtung handelte.
Vermutlich hat genau das zu einer weiteren Radikalisierung geführt. Die übrigen Mitglieder zerstreu-ten sich. Später kam es zu mehreren spektakulären Angriffen auf Gefängnisse, etwa im September 2010. Ziel war, inhaftierte Sektenmitglieder zu befreien. Einige Monate später, im Februar 2011, stell-te die Polizei fest, Boko Haram sei Nigerias größtes Sicherheitsrisiko. Das hat die Gruppe in den vergangenen zwölf Monaten auch regelmäßig deutlich gemacht. Bis 2011 verübten Mitglieder fast ausschließlich in den Bundesstaaten Borno und Bauchi Anschläge. Doch dass sie überall zuschla-gen können, demonstrierten sie im Juni 2011 mit dem Angriff auf das Polizeihauptquartier in Abuja. Zwei Monate später folgte das Attentat auf das UN-Gebäude in der Hauptstadt. Zum ersten Mal schafften die Terroristen es in die Weltöffentlichkeit.
Seitdem gilt Boko Haram als zunehmend unberechenbar - ein Problem, das sich nicht nur auf das ferne Nordnigeria beschränkt. Das macht eine Risikoeinschätzung schwierig. Der ganze Norden ist betroffen. Gleiches gilt für die Anschlagsorte: Derzeit sind es vor allem Kirchen, doch auch Polizei-stationen und militärische Einrichtungen geraten immer wieder ins Visier. Ebenso wie über potenziel-le Anschlagsorte lässt sich auch über die politischen Ziele der Gruppe nur spekulieren. Mitunter heißt es, Boko Haram wolle einen islamischen Staat im Norden errichten. Die Christliche Vereinigung Ni-gerias äußerte nach den jüngsten Anschlägen gar die Befürchtung, die Gruppe wolle die Christen auslöschen. Andere Stimmen meinen unter Berufung auf Boko-Haram-Kreise, die Gruppe kämpfe nicht gegen Christen, sondern gegen den Staat. Und der scheint derzeit machtloser denn je.
(KNA - lmkqmk-bd-1439.48je-1)

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