Die nigerianische Regierung ist gegen Boko Haram weiter machtlos

KNA 03.05.2012
Terror in der Endlosschleife
Die nigerianische Regierung ist gegen Boko Haram weiter machtlos
Von Katrin Gänsler (KNA)
Cotonou (KNA) Wie viele Menschen bereits durch den Terror der islamistischen Sekte Boko Haram ums Leben gekommen sind, weiß niemand genau. Mehrere hundert allein in diesem Jahr - und weitere werden folgen. Denn Nigerias Regierung scheint noch immer nicht in der Lage zu sein, den Terror zu beenden. „Die Regierung verfolgt noch immer einen Ansatz, der vor allem auf die militärische Niederschlagung setzt. Man sieht zwar mehr Straßensperren und Checkpoints, aber das sind eher kosmetische Maßnahmen“, sagt Thomas Mättig, der die Niederlassung der Friedrich-Ebert-Stiftung in Abuja leitet. Eine über das Militärische hinausgehende Strategie sei nicht erkennbar. Viele Nigerianer empfinden ähnlich - und haben nur noch wenig Vertrauen in ihre Regierung.
Daher hört sich auch das, was Präsident Goodluck Jonathan nach jedem Anschlag betont - man wolle mit aller Macht gegen Boko Haram vorgehen - eher hölzern an. Das mag auch mit der Frage zusammenhängen, gegen wen oder was die Terrorgruppe eigentlich kämpft. Und genau das wird immer unklarer. Vor allem in europäischen und US-Medien werden die Bombenanschläge und Explosionen weiter als ein Kampf der Religionen beschrieben: Radikale Muslime wollten ihren Gottesstaat errichten, in dem Christen keinen Platz haben. Ein paar Nigeria-Experten kritisieren diese vereinfachte Darstellung anschließend regelmäßig und sagen, es handele sich um politisch motivierte Ausschreitungen.
Vergangene Woche hat ihnen - glaubt man einem Bericht der eher unbekannten Online-Zeitung „Premium Times“ - ein mutmaßlicher Sprecher der Gruppe sogar Recht gegeben, als er sagte, Boko Haram führe einen Krieg gegen die Regierung. Doch nur drei Tage später zündelte die Gruppe wieder, dieses Mal auf dem Gelände der Bayero-Universität in Kano, wo sich Studenten zum Gottesdienst versammelt hatten. In Nigeria sind Kirchen und Moscheen auf dem Campus üblich. Für 16 junge Menschen endete dieser Gottesdienst tödlich.
Beteuerungen von Boko Haram und europäischen Experten hin oder her: Im Norden Nigerias fühlen sich Christen schon seit Monaten besonders bedroht. Viele ihrer Kirchen gleichen Hochsicherheitstrakten mit Metalldetektoren und Taschenkontrollen. Ordentlich aufzurüsten und in mehr Sicherheit zu investieren, empfiehlt deshalb auch der Dachverband Christliche Vereinigung Nigerias (CAN). „Wir müssen unsere Mitglieder schützen“, sagt Pastor William Okoye, der die Abteilung für Nationale Angelegenheiten leitet. Er versucht moderat zu wirken: „Wir rufen nicht zu Gewalt oder zu einem Gegenangriff auf“, beteuert er. Doch sein Zorn ist spürbar: „Wenn Christen angegriffen werden, dann müssen sie sich verteidigen.“
Vermutlich ist Boko Haram außerhalb des Bundesstaates Borno, wo sie Gruppe in Maiduguri ihr Hauptquartier haben soll, viel zu lange auch nicht ernst genommen worden. Selbst in der Hauptstadt Abuja galt die Sekte lange als ein Problem des äußersten Nordostens. Dabei ist nicht unwahrscheinlich, dass sie internationale Kontakte hat und bei der Ausbildung von Mitgliedern und der Beschaffung von Waffen unterstützt wird, etwa durch die Al-Schabaab-Milizen aus Somalia oder den afrikanischen Al-Kaida-Flügel AQMI (Al Kaida im Islamischen Maghreb). Das ruft mittlerweile die Nachbarstaaten auf den Plan. So forderte etwa der Präsident des Tschad, Idriss Deby, eine Lösung auf regionaler Ebene. Gerade für Staaten im Norden wie den Tschad oder Niger könnten die Terroristen auch zu einer Bedrohung werden - etwa indem sie die Sicherheit in der Region schwächen.
Für Thomas Mättig ist klar, dass die Lösung aus Nigeria selbst kommen muss. „Es ist ein nigerianisches Problem“, sagt er. Innerhalb der Westafrikanischen Regionalorganisation Ecowas sei Nigeria zudem die dominierende Militärmacht. Dass Westafrika über einen transnationalen Informationsaustausch und Polizeizusammenarbeit hinaus viel zur Beilegung des Konflikts beitragen könnte, halt er für schlicht unrealistisch.
(KNA - lmkpkn-bd-1611.06je-1)

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